Leserbrief

Leserbrief: Zum geplanten "Ritterland Deutschland"

Beschallung des Maintals zu befürchten

Es gehört zur Strategie eines guten Verkäufers, dass er seine Ware im besten Lichte darstellt und anbietet. Der Käufer hat dann die Möglichkeit, nach verschiedenen Kriterien wie Form, Farbe, Größe, Qualität und Preis zu entscheiden.

Etwas anders gelagert ist es, wenn man ein großes Gelände ankaufen will, um darauf, wie in Bettingen, Lindelbach und Urphar geplant, ein Ritterland zu errichten. Hier muss man mit stichhaltigen Argumenten werben und Menschen überzeugen. Da werden natürlich nur die positiven Aspekte herausgestellt, angepriesen und den Bürgern schmackhaft gemacht. Die Schattenseiten werden nicht aufgezeigt, Nachteile und Unannehmlichkeiten verschwiegen oder kleingeredet.

Wie man aus den Ausführungen der Betreiber entnehmen konnte, plant man im Endausbau mit bis zu 900 000 Besuchern bei acht Monaten Öffnungszeiten. Das entspricht 112 500 pro Monat, 28 125 pro Woche. Rechnet man mit 3000 Besuchern unter der Woche, fallen auf das Wochenende zirka 25 000 Menschen. Wie will man das verkehrstechnisch bewältigen?

Wir erleben heute schon, dass an verkaufsoffenen Sonn- und Feiertagen im "Wertheim Village" die Autobahnausfahrten in beide Richtungen auf mehrere hundert Meter auf der Abbiegespur blockiert und alle Parkplätze überfüllt sind. Angrenzende Straßen werden bis zum Wald zum Parken benutzt. Das Chaos ist vorprogrammiert.

Die Betreiber schließen spätere Lärmbelästigung aus. Wie das erreicht werden soll, ist mir unerklärlich. Man stelle sich vor: 4000 bis 5000 Menschen erleben die Ritterspiele. Um Besucher zu begeistern, muss man akustische Reize setzen. Dies kann nur durch laute Ansagen, Begeisterungsrufe und Musik über große Lautsprecher erfolgen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man, wie in Flugzeugen üblich, dem Besucher einen Kopfhörer bietet und am Sitzplatz einen Anschluss vorfindet! Es wird sich bei Ostströmung eine akustische Lawine ins Tal wälzen, an der Gegenseite am Bettingberg brechen und als Echo das ganze Maintal beschallen. Ach, wie schön!

Eine Überlegung zu den Eintrittspreisen: Erwachsene 26 Euro, Kinder 14 Euro, Fahrtkosten 30 Euro, also Eintritt und Fahrt für eine vierköpfige Familie machen rund 110 Euro, hinzu kommt Essen (40 Euro), was in der Summe 150 Euro ergibt. Ein stolzer Preis für einen Tagesausflug.

Aber wer 45 Millionen Euro investiert, will auch Gewinne haben. Ich frage mich ehrlich, ob unsere Mandatsträger, die dieses Projekt befürworten, meine Bedenken ausführlich durchdacht haben. Der Gedanke der "Arbeitsplatzbeschaffung" muss nicht immer segensreich sein. Viele 400-Euro-Kräfte werden zu Hartz-IV-Empfängern werden.

Wie war noch der Slogan im alten Rom? Panem et Circences (Brot und Spiele), auf hier übertragen: Arbeitsplätze, Vergnügen und Gewinn.

Das Ende Roms hat uns die Geschichte gelehrt - das Ende Bettingens steht uns noch bevor.