Leserbrief

Zum Artikel „Ich bitte um Verzeihung“

Bleiben Sie sich treu, Herr Dettlinger!

Zum Artikel „Ich bitte um Verzeihung“ vom 12. August:

Nicht Ihnen, Herr Dettlinger, sollte ihre auf den Punkt genaue Süffisanz peinlich sein, sondern Herrn Levit! Wenn sich ein begnadeter Pianist des moralischen Niemandslands sozialer Medien bedient, lässt er es entweder an persönlicher Reife missen oder gießt bewusst Öl ins Feuer!

Bevor Sie, Herr Dettlinger, Ihre Kolumnen schrieben, sah ich in Ihnen einen oft neunmalklugen und abbügelnden Kritiker, der sich seiner guten Bildung und Ausbildung mit einem Hang von Arroganz bedient. Ihr letzter Beitrag, der so viel Kritik hervorrief, gehört zum Besten, was Sie jemals schrieben, beziehungsweise mir unter die Augen kam! Ob Friesen-, Schwaben- oder Judenwitze: Stets werden gewisse Eigenheiten überspitzt, bisweilen sogar erst aus der Taufe gehoben. Dem Zeitgeistigen auf den Zahn zu fühlen, ist in Anbetracht derer Entgleisungen mehr als überfällig.

Ist Lachen oder Schmunzeln bereits anklagewürdig als Gesinnungsvergehen? Werden doktrinäre Maulkörbe schon wieder hoffähig? Darf Mann Frau oder Frau Mann nicht mehr auf den Arm nehmen? Ist feministische oder ideologische Zensur entscheidend für Volkes Meinung? Ist, vergleichend, der Oboist der Todfeind des Bratschisten, weil er dessen Verzögerungsneigung benamste? Auch ein Jude ist zuvorderst Israeli oder anderer Staaten Bürger. Seine Zugehörigkeit als moralische Keule einzusetzen (bloß weil ich ...) ist schon im Denkansatz verwerflich.

Sich angenommen fühlen

Religiöse Affinitäten dürfen nie wieder Maßstab für Für oder Wider werden! Übrigens: Auffällig ist bei allen Entdeckern ihrer neuen Identität, dass sie viel rabiater auf ihrem Angelernten beharren als Traditionsverwurzelte in ihren überkommenen, teils erzkonservativen Traditionen. Wundern sich doch diese über die kleinkarierten Konvertiten, die vermeinen, ihre neue Heimat mit Vehemenz verteidigen zu müssen – vergleichbar mit einem Neu-Mannheimer, der sich im Vorortverein wichtig macht und verkennt, dass ein Sandhöfer, Käfertaler, Seckenheimer oder Necharauer erst in zweiter Linie Mannheimer ist.

Besteht Integration nicht gerade darin, von der Familie bis zur Volksgruppe aufgenommen, sich als Zuzügler angenommen zu fühlen als fester Bestandteil der Gemeinschaft? Warum nur akzeptieren wir notorische Streithammel, geben ihnen die Bühne, ihre Definition von Streit-Unkultur in die Welt zu tragen? Jemanden, den wir nicht riechen können, meiden wir. Für Treibjagden gab und gibt sich der Mob her. Bleiben Sie sich, Herr Dettlinger, treu! (von Andreas Weng, Mannheim)

Info: Originalartikel unter https://bit.ly/314A0dG