Leserbrief

Blick fürs Detail

Sechs Leser schauen der Redaktion einen Tag lang über die Schulter und erleben beim Blick hinter die Kulissen, wie Zeitung entsteht – von der Online-Nachricht bis zum fertigen Printbericht.

Wie gelangen Nachrichten in die Zeitung? Was und wer entscheidet, wo sie platziert und in welchem Umfang sie abgedruckt werden? Welche Rolle spielen Agenturen und Korrespondenten und wie gelangen die Inhalte ins Internet? Einen Tag lang besuchten auf Einladung dieser Zeitung sechs Leser die Redaktion und waren von morgens bis abends dabei. Franz Baumüller, Horst Schätzle, Sonja Kuhnert, Werner Bertleff, Wolfgang Lutz und Eckhard Junghahn hatten die Gelegenheit, Abläufe kennen zu lernen und mit den beiden Chefredakteuren Dirk Lübke und Karsten Kammholz zu sprechen.

Schon in der Morgenkonferenz, bei der sich alle Blattmacher im Newsroom – Herz und Lunge der Redaktion – treffen und die wichtigsten Themen vorstellen, wird den Lesern klar, was für ein Pensum die Redaktion Tag für Tag zu bewältigen hat. „Ich bin schon beeindruckt“, stellt Leser Wolfgang Lutz fest. Nach der Morgenkonferenz, bei der auch immer eine „Blattkritik“, also eine kritische Betrachtung der aktuellen Ausgabe stattfindet, geht es für die Blattmacher ans Werk. Ihre Aufgabe ist es, die vorgestellten Themen auf die noch leeren Zeitungsseiten zu verteilen, Schwerpunkte zu setzen, für eine ansprechende Optik zu sorgen und die Themen mit Zusatzinformationen und Grafiken für die Leser anzureichern. Bei Manfred Loimeier, der neben Marco Pecht den Newsroom leitet, verfolgen die Leser mit, wie Bilder aus dem dpa-Archiv per Mausklick auf die Seiten wandern. Für den optischen Feinschliff sorgt schon während der Seitenproduktion Cheflayouter Tobias Dolch.

Als es dann zwischen 17 und 18 Uhr an die sogenannte Blattabnahme geht – alle Seiten (die meisten sind unvollständig) werden präsentiert und von den Chefs noch mal kritisch geprüft –, dürfen sich die sechs Gäste auch mit eigenen Ideen einbringen. „Ihr habt noch nie etwas darüber geschrieben, wie Handydaten von Fremden im Vorübergehen ausspioniert werden“, greift Horst Schätzle aus Heddesheim eine Meldung über einen Handydiebstahl auf. Wolfgang Lutz macht bei einem Bericht über die Friedenskirche in Friesenheim darauf aufmerksam, dass die Ortsangabe in der Überschrift fehlt. „Das würde mich als Leser schon interessieren“, meint er. Der zuständige Redakteur Stephan Alfter nimmt die Anregung auf.

Die Leser erfahren auch, dass sich manches Aufregerthema im Laufe des Tages nach genauerer Recherche als „Sturm im Wasserglas“ entpuppt. „Unglaublich, wie Sie ins Detail gehen“, stellt Franz Baumüller beim Feilschen um die beste Überschrift fest. Seite für Seite wird überprüft: Stimmt die Bildauswahl? Ist die Gewichtung auch die Richtige? Ziehen die ersten Sätze in den Text? Ist die Überschrift verständlich? Dabei sind die Leser auch beeindruckt, wie schnell Chefredakteur Dirk Lübke die Zusammenhänge erfasst und Korrekturwünsche anbringt.

Im Gespräch mit Lübke und Kammholz erfahren die Leser, dass Journalisten im Grunde rund um die Uhr im Einsatz sind. Wenn etwas passiere und man sei persönlich vor Ort, könne man nicht einfach wegschauen, sagt Lübke. Die Leser hörten aufmerksam zu. „Das war informativ und kurzweilig“, zieht Sonja Kuhnert Bilanz. Horst Schätzle lobt den kollegialen Umgang in der Redaktion: „Ich hatte schon den Eindruck, dass hier ein ausgesprochen gutes Betriebsklima vorherrscht.“ Gerade wenn es schnell gehen müsse, sei es wichtig, dass die Kollegen gut miteinander auskommen. Wolfgang Lutz fügt hinzu: „Jetzt betrachtet man die Zeitung mit ganz anderen Augen.“

Zum Thema