Leserbrief

Bußgeldbescheide wie Prügel für aufmüpfige Kinder

Zum Artikel „Bußgeldbescheide für Mannheimer Schüler“ vom 17. Juli (Die Stadt Mannheim hat die Bußgelder inzwischen wieder aufgehoben):

Die Leserbriefschreiber, die die Schulleiterin des Geschwister Scholl Gymnasiums für ihre Entscheidung loben, machen es sich zu einfach. Sie begründen ihre Wertung nicht, und sie loben die Maßnahme der Schulleiterin aus demselben kurzsichtigen Ansatz heraus, aus dem diese gehandelt hat. Was ist so lobenswert am Ausscheren aus dem „Mainstream“? Kann die Mehrheitsmeinung nicht auch mal recht haben?

Lehrer sind keine Polizisten oder Juristen, die allein nach der Rechtsordnung handeln, sondern Erzieher, die einen großen Entscheidungsspielraum haben, die viele Umstände berücksichtigen und sich überlegen müssen, welches Ziel sie erreichen wollen. Bußgeldbescheide für demonstrierende Schüler kommen mir vor wie Prügelstrafe für aufmüpfige Kinder; dafür gab es früher auch immer mal Lob, „Recht so, endlich passiert mal was.“ Die Schulleiterin habe „ein Zeichen gesetzt, dass Gesinnung nicht alles ist und dass man (...) Verantwortung hat“.

Diese Behauptung geht nun völlig an den Schülern vorbei. Gerade weil ihnen Gesinnung allein nicht genug war, haben sie mit vielen anderen auch noch demonstriert und damit Verantwortung für Staat und Gesellschaft übernommen, die viele Politiker bis heute haben vermissen lassen. Selbstverständlich muss auf Regelverstöße in der Schule eine Reaktion erfolgen, aber wieso denn ein Bußgeldbescheid? Auch noch für Schüler, die sich sonst, wie man hört, im Unterricht, in AGs, in ihrer Freizeit vorbildlich verhalten?

Mein Vorschlag: Die freitagvormittags Demonstrierenden werden verpflichtet, zusätzliche Arbeiten anzufertigen und das Ergebnis vor der Klasse zu präsentieren, zum Beispiel Reportagen über Vorbereitung und Verlauf einer Demonstration schreiben (Deutsch), die Geschichte des zivilen Ungehorsams erforschen (Geschichte), die Möglichkeiten politischer Willensbildung in der Demokratie untersuchen (Politik), Motive und Wege zur Bewahrung der Schöpfung erkunden (Religion) und im Rahmen der natur- und sozialwissenschaftlichen Fächer Schritte zu einer nachhaltigeren Lebensweise erarbeiten. Dies und Ähnliches mehr wären pädagogisch sinnvolle „Bestrafungen“, die darüber hinaus auch der Schulgemeinschaft nutzen können.

Mehrere Leserbriefschreiber weisen mit der Geste der Wissenden jede Bezugnahme auf die Geschwister Scholl als unhistorisch zurück. Dazu nur drei Aspekte.

Erstens: Die Schule, die als erste mit Bußgeldbescheiden auf die Freitagsdemos reagiert hat, ist eine Geschwister Scholl Schule.

Zweitens: In dieser Schule wird ein Geschwister Scholl Preis für Zivilcourage und soziales Engagement verliehen. Dieses Lob passt sehr gut auf die Jugendlichen, die den Mut haben, unerlaubt dem Unterricht fernzubleiben, um sich protestierend für das Überleben auf unserer Erde einzusetzen.

Drittens: Die Geschwister Scholl gehörten zur Generation der Jungen und mit ihrer Haltung sind sie ein Vorbild für Schüler. Doch kein vernünftiger Mensch wird ernsthaft ihr Handeln in der Diktatur und ihr schreckliches Ende mit der heutigen Teilnahme an einer Demonstration vergleichen wollen. (Paul Puhl, Mannheim)

Die Wälder beginnen abzusterben, das Grundwasser sinkt auch in unserer Region kontinuierlich, die Gewässer trocknen aus beziehungsweise überhitzen, die Insekten verschwinden, die Vogelpopulationen gehen immer weiter zurück, der Planet wird immer heißer und erstickt in Wohlstandsmüll und Abgasen. Diese Veränderungen wahrzunehmen ist kein Mainstream, sondern tatsächlich der besorgniserregende Zustand der analogen Welt!

Gibt es überhaupt noch einen Bereich der Natur, den der Mensch in seiner autodestruktiven Trägheit und Gier nicht massiv schädigt und vernichtet? Die „Fridays-for-Future“-Demonstranten haben offensichtlich in der Schule weit besser aufgepasst wie einige ihrer verständnislosen Mitmenschen. Die Schüler erkennen die Veränderungen, die Zusammenhänge und erahnen, was ihnen für eine Zukunft droht. Der Protest kann angesichts der derzeitigen Veränderungen und Probleme gar nicht groß genug sein.

Die Wissenschaft unterstützt diesen Protest. Das sollten alle ernst nehmen. Dass der Widerstand gerechtfertigt ist, zeigt erneut die Reaktion weiter Teile der Politik. Nach wie vor wird nur geredet und nichts passiert außer einer weiteren üppigen Wirtschaftssubvention für die Automobilindustrie (Förderung der E-Mobilität bei weiter bestehendem Verkehrsinfarkt) und dem komplett lenkungsfreien Einsatz von Steuergeldern zur Schadensbehebung (Dürre- und Hitzeschäden in der Agrar- und Forstwirtschaft). Die Demonstrationen werden nicht enden und sind völlig angebracht. (Anne Dietz, Mannheim)

Liebe Schüler, seit Monaten geht Ihr freitags auf die Straße, um für Eure Zukunft zu demonstrieren, dafür, dass Klimaschutz endlich ernst genommen und umgesetzt wird. Gut so – klasse! Aber: Ich würde Euch zu etwas Anderem raten. Demonstration: ja! – jedoch samstags, in der schulfreien Zeit!

Habt Ihr schon einmal daran gedacht, wie wichtig Ihr seid, um die Zukunft in den Griff zu bekommen? Und dazu gehört vor allem eins: Bildung. Es besser zu machen, setzt Wissen voraus, Wissen zum Beispiel in Physik, Chemie, Biologie, Sprachen und so weiter. Zeigt es den Eltern und Großeltern, dass Ihr nicht klein beigebt. Ihr habt nicht in erster Linie eine Schulpflicht, sondern ein RECHT auf Bildung. Nehmt es Euch.

Zu sagen: Ich gehe freitags nicht zur Schule, weil es ja doch keinen Zweck hat, weil ich eh keine Zukunft habe, das ist nicht stark, das ist schwach! Und außerdem: Ihr würdet auch an Samstagen gehört. Dann könnt Ihr auf Anerkennung zählen: „Siehe da, die Jugendlichen opfern ihre freie Zeit, um uns Ältere darauf aufmerksam zu machen, was wir versäumt haben zu tun!“

Es ist noch nicht lange her, da wurde – auch von Euch – gemosert, dass zu viele Schulstunden ausfallen. Es kann doch nicht dazu führen, dass Ihr Schulstunden von Euch aus ausfallen lasst. Geht auf die Straße mit dem Motto zum Beispiel „Unsere Freizeit für unsere Zukunft“. Das ist meine Meinung. (Marlies Müller, Mannheim)

Ja geht’s noch? Samstags demonstrieren? Keine Zeit. Da müssen doch erst die zwölf „Zalando“-Pakete zurückgeschickt werden. Und dann mit dem SUV in die Stadt zu „Primark“, um die neuen 2,50 Euro teuren T-Shirts zu kaufen. Wo die herkommen – Kambodscha, Vietnam, Bangladesch – keine Ahnung, Hauptsache billig. So macht Klima und Umwelt retten Spaß. (Klaus Anacker, Mannheim)

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2SzA9js