Leserbrief

Corona-Krise verschärft Bildungskluft im Land

Zum Artikel „Manche Lehrkräfte sind wochenlang untergetaucht“ vom 27. Juli:

Dass ein habilitierter Erziehungswissenschaftler seine Aussagen mit keiner einzigen repräsentativen Studie belegt (stattdessen ergänzt der „MM“ sein Interview um ein Foto von Schulranzenrücken und eine Karte der Neuinfektionen), sondern offenkundig auf seine Alltagsbeobachtungen zurückgreift, erscheint einigermaßen irritierend.

Mal wieder pauschal die Lehrkräfte abzuwatschen, ist nicht nur unfair gegenüber einem ganzen Berufsstand, sondern setzt die wichtige Erziehungspartnerschaft zwischen Eltern und Schule aufs Spiel. Es hetzt zwei Seiten gegeneinander auf, die beide die Krise bewältigen müssen, ohne auf etablierte Strukturen zurückgreifen zu können.

An unserer Schule sind Schulleitung und Kollegium das auf engagierte, pragmatisch-autodidaktische Weise angegangen. Am ersten Tag des Lockdowns wurden wir von einer „Task Force“ – bestehend aus Kolleg*innen mit hoher digitaler Expertise – im Umgang mit der landesweiten Bildungsplattform Moodle (welche das Kultusministerium innerhalb weniger Tage so hochskaliert hatte, dass sie durchweg stabil lief) und anderen Online-Tools schnellgeschult. Während des Lockdowns pflegten wir einen regen, konstruktiven Austausch mit gegenseitigen Anregungen und Hilfestellungen.

Auf Plattformen wie Moodle oder MS Teams, welches auf gleichermaßen engagierte Weise an der Schule meiner Kinder genutzt wurde, ist vieles möglich: Einbinden von Dateien, Links oder selbst gedrehten Erklärfilmen, Partizipation über Diskussionsforen, Abstimmungen oder Gruppenchats, Schüler-Lehrer-Kommunikation, Abgabe und Kommentierung von Schüleraufgaben uvm. Und viele Lehrkräfte haben diese Möglichkeiten weidlich genutzt. Sie sind nicht abgetaucht, sondern haben ihre Unterrichtsverpflichtung diszipliniert wahrgenommen und versucht, dabei so motivierend wie möglich zu agieren.

Neben ihrem individuellen Online-Unterricht haben die Sport-, Kunst- und Musiklehrkräfte zum Beispiel ein klassenübergreifendes Bewegungs- und Kreativangebot und die Religionskolleg*innen geistliche Impulse hochgeladen. Die Schulleitung war durchweg vor Ort und ansprechbar. Keine Lehrkraft hat sich vor der Notbetreuung gedrückt. Referendar*innen und Praktikant*innen wurden, den Möglichkeiten gemäß, selbstverständlich weiter betreut.

Hometeaching bedeutet, wie jedes Homeoffice, lange Schreibtischstunden, gern mal zehn am Tag, inklusive Wochenende. Bei uns musste montags um 9 Uhr der komplette Wochenunterricht für alle Klassen online stehen, Abgabefrist für die Aufgaben war freitags, 15 Uhr. Im Anschluss war man mit deren Durchsicht und Feedbacks an die Schüler*innen beschäftigt, mit Mails, Telefonaten, Video-Klassenkonferenzen und dem Einfangen abgetauchter Schützlinge.

Seit der Präsenzunterricht im Schichtbetrieb wieder lief, war jeweils die halbe Klasse vor Ort und die andere Hälfte im Homeschooling, was in der Regel doppelte Vor- und Nachbereitung bedeutete. Auch viele Lehrer*innen haben Kinder im Vorschul- oder Schulalter und stehen damit vor denselben Herausforderungen wie alle Eltern im Homeoffice. Sie haben gegeben, was sie konnten; nicht wenige sind am Rande ihrer Kräfte.

Sicherlich sieht die Situation an jeder Schule und in jedem Stadtteil anders aus – und sicherlich gibt es unter den gesamten Lehrkräften, wie in jedem Berufsstand, schwarze Schafe. Es ist schrecklich und beschämend, dass die Corona-Krise die bestehende Bildungskluft in Deutschland weiter vertieft. Doch wer schlicht die Lehrkräfte als Sündenböcke abstempelt, statt das Problem differenziert und wissenschaftlich seriös anzugehen, vertieft auf verantwortungslose Weise weitere gesellschaftliche Gräben.

Übrigens: Auch die Studierenden leiden unter didaktischer Isolation und Motivationsmangel. Es wäre spannend gewesen zu erfahren, wie Professor Zierer dies in seiner Online-Lehre bewältigt hat und wie er die kommenden Erstsemester aufzufangen gedenkt.

Info: Originalartikel unter https://bit.ly/3jStnCn