Leserbrief

Dank für den Selbsttest des Redakteurs Geiger

Zum Artikel „Klimaschonendes Leben – nichts für Weicheier“ vom 11.10:

Ein Dankeschön Ihrer Zeitung, dass Sie uns in dieser aktuellen Diskussion auch mit Beiträgen wie dem Selbstversuch des Redakteurs Martin Geiger umfassend informiert.

Die Politik hat sich nun durchgerungen, ein Klimapaket zu schnüren – dieselbe politische Konstellation, die unlängst (als der Klimawandel kaum thematisiert wurde) von uns gewählt wurde, um vorrangig unseren Wohlstand zu mehren. So ist der Inhalt des Paketes – ein „Weiter so“ – ökologisch umhüllt, alles andere als verwunderlich, vergleichbar mit der Situation, wenn ein Bäcker zusätzlich Metzgerarbeiten übernimmt und ihm der Teig einer gefüllten Teigtasche gelingt, das Innere aber zu wünschen übriglässt.

Rückbesinnung auf Schöpfung

Die Wenigsten erkennen in dem Aufschrei der Jugend das Bitten um eine Korrektur des eingeschlagenen Weges zugunsten der Rückbesinnung auf die Schöpfung – denn mit derselben Lieblosigkeit, mit der wir uns von der Religion und der Nächstenliebe abkehren, behandeln wir auch unsere Herberge, die Erde.

Um ihr etwas Erholung zu gewähren, wäre eine Abkehr vom Konsum- und Mobilitätswahn unabdingbar, ebenso das Einreißen der tragenden Säulen unseres Wirtschaftssystems, dem Egoismus, mehr und mehr eigene Bedürfnisse befriedigen zu wollen. Ob dieser Sätze werden Politiker und Ökonomen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, eine politische Gruppierung, die diese Szenarien anbieten würde, würde mit fliegenden Fahnen untergehen – weil sie von uns höchstens belächelt würde und nicht gewählt. Wer hat nicht schon einmal gedacht, wie schön es wäre, wenn die Anderen den Verzicht für mich übernehmen würden, andere drücken es drastischer aus: „nach mir die Sintflut...“!

Die Bereitschaft zum Verzicht ist überschaubar, die große Mehrheit ist von einer eventuellen Rezession oder Deflation mehr verängstigt als vom Ansteigen von Temperatur und Meeresspiegel. Verzicht – jahrelang war er verpönt und in der Erziehung kaum gelehrt. Verzicht bedeutet anfängliches Unwohlsein, Entbehrung, Leiden. Einige sind im Sportwettkampf oder beim Fasten für eine bestimmte, überschaubare Zeit bereit, diese Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen, um dafür später persönlich belohnt zu werden. Beim Verzicht für Klima und Schöpfung sprechen wir von lebenslanger Enthaltsamkeit – wer ist dabei?

Klimaschutz beginnt bei mir

Ohne diese Leidenschaft ist der Kampf um das Klima verloren, bevor er begonnen hat. Die Enthaltsamkeit gegenüber den weltlichen Verlockungen beginnt bei mir selbst. Innere Einkehr, Gebet oder Meditation schärfen das Bewusstsein für mein Tun und helfen es zu ändern, lassen mich in teils hysterischen Diskussionen ruhig und sind klimaneutral.

So danke ich dem Redakteur Martin Geiger für seinen Selbsttest. Persönlich würde ich an seiner Stelle das kalkhaltige Leitungswasser erst filtern, dann schmeckt es noch besser, die Vertaktung der Familienangehörigen auf den Prüfstand stellen – denn diese vielen gebündelten Ansprüche, möglichst viel zeitnah zu erfüllen, gehen zulasten des Klimas und lassen die Leerlaufzeiten im ÖPNV zum Stress werden.

Auf die Politik als Vorreiter in Sachen Klimaschutz würde ich nicht vertrauen – Klimaschutz beginnt bei mir und meiner Umgebung – und wenn die Menschen ihr Anspruchsdenken ändern, zeigen Politiker erstaunliche Elastizität in sonst starrer Haltung, um Wählerstimmen zu gewinnen. Trotz dieser düsteren Aussichten besteht für mich kein Grund zur Traurigkeit. Mir ist bewusst, dass ich mein Dasein nicht klimaneutral gestalten kann, aber vielleicht gelingt es mir, dieses durch die Liebe zur Schöpfung zu kompensieren.

Jörg Biberacher, Mannheim

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/33X2wfQ

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