Leserbrief

Das Märchen vom reichsten Land der Welt

Zum Kommentar „Provokateur“ vom 18. April:

Birgit Holzers zutreffender Hinweis auf den Provokateur Macron verdient eine wissenswerte Erweiterung, denn Monsieur le President ist bei weitem nicht der Einzige, der mit seiner Forderung, das reiche Deutschland möge endlich mehr Solidarität zeigen – sprich noch mehr Geld zahlen und noch mehr Haftung übernehmen – auf große Zustimmung stößt.

Es wäre deshalb allmählich Zeit, dass die Kanzlerin den Mythos vom reichen Deutschland zurechtrückt, der nicht nur von prominenten Oppositionspolitikern, sondern auch aus Regierungsparteien wie ein Mantra so oft wiederholt wird, dass es der einfache Bundesbürger inzwischen verinnerlicht hat und glaubt. So werden hier erwünschte Gewissensbisse und in Ländern wie Italien Wut und Hass auf Deutschland erzeugt.

Inzwischen erfährt die Legende vom reichen Deutschland schon längst eine Steigerung in Richtung: eines der reichsten Länder der Welt bis zum reichsten Land Europas. Längst vergessen ist die Tatsache, dass sich Italien mit Hilfe einer kreativen Buchführung und Goldman Sachs im Jahre 1999 den Zugang in die Europäische Zahlungsunion ermöglichte und seitdem – infolge billiger Kredite – über seine Verhältnisse lebte.

Was aber kaum ins Bewusstsein der Bundesdeutschen und der EU-Bürger gelangte, ist das lang zurückgehaltene Ergebnis einer aufwendigen Studie der Europäischen Zentralbank EZB, die am 10. April 2013 veröffentlicht wurde. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ widmete ihr die Überschrift: „Deutsche sind die Ärmsten im Euroraum“ und einen Leitartikel von Holger Steltzner, damals noch einer der Herausgeber der „FAZ“, unter der Überschrift: Arme Deutsche. Er schrieb: „Zusammen mit den nicht ganz so armen Slowaken, Österreichern und Finnen haften sie (die Deutschen) in unvorstellbarem Ausmaß für Staatsschulden Südeuropas, in denen die Privathaushalte viel reicher sind.“

In der Tabelle dieser Studie über die Vermögensverteilung im Euroraum steht die Bundesrepublik Deutschland hinter der Slowakei – Sie lesen richtig – an letzter Stelle. Die vorderen Plätze halten die Länder Luxemburg, Zypern, Malta und Belgien gefolgt von Spanien, Italien und Frankreich. Immer wenn ich in meinem Auto durch die Schlaglochparadiese meiner und umliegender Gemeinden rumple, fällt mir das Märchen von einem der reichsten Länder der Welt ein.

Rudolf Jansche, Wilhelmsfeld

Info: Originalartikel unter https://bit.ly/2RU4HNs