Leserbrief

Das sagen Leser zu Kohle-Alternativen

Zum Artikel „Alternative zur Kohle gesucht“ und zum Kommentar „Heiße Debatte“ vom 13. Juni:

Wie Ihre Zeitung schreibt, würden die Kohlekraftwerke des Mannheimer Energieversorgers MVV von der beschlossenen Abschaltung der Kohlekraftwerke bis spätestens 2038 nicht ausgenommen. Obwohl diese Kraftwerke im Wege der Kraft-Wärmekopplung die Region mit Fernwärme versorgen und zum Beispiel der neue Block 9 im Grosskraftwerk Mannheim (GKM) mit einer Energieausbeute von 70 Prozent weltweit einen Spitzenplatz bei der Effizienz erreicht. Auch für Kraft-Wärmekopplung soll es also gemäß Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) keine Ausnahmen vom Ausstieg geben, so dass dieses Energieerzeugungskonzept in seiner Existenz bedroht werde.

Es tut gut, in dieser von Klimahysterie geprägten Zeit im Kommentar von Peter Reinhardt eine seltene wohltuende Stimme der Vernunft zu hören. Mehr Vernunft wäre bei der Umsetzung der Energiewende in der Tat nötig. Der bisherige Verlauf der Energiewende in Deutschland hat dem Klima nämlich wenig geholfen – Deutschland nimmt bei den Aufwendungen für den Klimaschutz unter den mittleren und großen Ländern weltweit seit Jahren mit großem Abstand den Spitzenplatz ein, aber beim CO2-Ausstoß befindet sich unser kleines Land auf der Umweltsünderliste auf Rang sechs nach China, den USA, Indien und Russland und Japan.

Wie Peter Reinhardt schreibt, bedarf es bei der Klimapolitik eines Gesamtkonzeptes, das aber weiterhin auf sich warten lässt. Die gegenwärtige deutsche Klimapolitik ist vielmehr von blindem Aktionismus geprägt. Ein Beispiel: Wir lassen uns über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) Kosten von einer Billion Euro (tausend Milliarden, das macht etwa drei Jahresetats des Bundes aus) gefallen, die den Verbrauchern wie eine zweite Steuer auferlegt wurde. Und der CO2-Einspareffekt ist gleich Null, weil die durch jedes Windrad eingesparte Emission über den europäischen Emissionshandel einfach nur an einen anderen Großemittenten in Europa verschoben wird. Windräder emittieren nur lokal kein CO2, überregional öffnen sie die Tür für einen höheren Ausstoß an anderer Stelle, so dass die lokale Einsparung verpufft.

Berücksichtigt man in einer Gesamtbilanz eines Windrades auch noch die Emissionen bei Produktion, Abholzung, Errichtung und Betrieb sowie den Ressourcenverbrauch von Baustoffen und -materialien und schließlich den Landschaftsverbrauch, dann ist die Umweltbilanz von Windrädern sogar negativ – jedes Windrad führt zu einer Erhöhung der Umweltbelastung.

Das kann man auch den Statistiken entnehmen. Während die Förderung von erneuerbaren Energien in Deutschland von 2010 bis 2018 vor allem durch den besonders starken Ausbau der Windkraft um 120 Prozent zugenommen und sich der Anteil des erneuerbaren Stroms an der Gesamtstromerzeugung von 17 auf 37,8 Prozent erhöht hat, hat sich in dieser Zeit der CO2-Ausstoß in unserem Land nicht verringert. In England und Frankreich hingegen ist bei wesentlich bescheideneren Aufwendungen in diesen Jahren der CO2-Ausstoß stetig weiter gesunken; in Frankreich beträgt er pro Kopf mittlerweile nur noch zwei Drittel des deutschen Wertes.

Das deutsche EEG ist folglich Geldvernichtung in astronomischer Größenordnung. Mit dieser einen EEG-Billion hätte man vermutlich alle Großstädte in Deutschland mit Fernwärme versorgen können und damit wirklich dem Klima geholfen. Bei dem jüngst beschlossenen Ausstieg aus der Kohleverstromung wird nun haargenau derselbe Fehler wie beim EEG wiederholt, als hätte man nichts aus dem bisherigen Fehlschlag gelernt.

Wissenschaftler des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung weisen in einem aktuellen Aufsatz in der Zeitschrift „Energiewirtschaftliche Tagesfragen“ darauf hin, dass im Rahmen des Emissionshandels der deutsche Kohleausstieg klimapolitisch wirkungslos sein könnte, weil bei der Abschaltung eines deutschen Kohlekraftwerkes der deutsche Kraftwerksbetreiber die dabei eingesparten Emissionsrechte zum Beispiel nach Polen verkaufen kann und dort Kohlekraftwerke hochgefahren werden. Der deutsche Kohleausstieg könnte infolge von Preiseffekten beim Emissionshandel sogar zu einem Anstieg der Kohlestromproduktion in Europa führen.

Wie beim EEG macht Deutschland beim Kohleausstieg erneut einen nationalen Alleingang, der nicht mit dem europäischen Emissionssystem koordiniert wird. Der Kohleausstieg kostet uns erneut viele Milliarden Euro und treibt die betroffenen Regionen ins wirtschaftliche Abseits.

Ob es den Politikern vielleicht doch noch gelingt, mit mehr Vernunft und frei von Hysterie die deutsche Klimapolitik auf einen guten Weg zu bringen? Dann hätte die Mannheimer Kraft-Wärmekopplung doch noch Chancen zu überleben. (Hartfrid Golf, Lampertheim)

Block 9 des GKM wurde 2015 in Betrieb genommen und soll nun spätestens 2038 abgeschaltet werden. Die älteren Blöcke sollen schon früher abgeschaltet werden. Dieser Beschluss wurde von einer anonymen Kohlekommission gefasst und wird nun von der Regierung und den Abgeordneten des Deutschen Bundestages treu und brav in Gesetzesform gebracht.

Das GKM versorgt die ganze Rhein-Neckar-Region mit Fernwärme. Block 9 erreicht im Kombibetrieb eine Brennstoffausnutzung von 70 Prozent, mehr als die modernsten GuD-Kombikraftwerke. Bis jetzt ist völlig unklar, wie die Fernwärmeversorgung nach Abschaltung der Kohlekraftwerke gesichert werden kann. Mitglieder der Kohlekommission und auch der grüne Umweltminister in Baden-Württemberg wollen die Steinkohle durch Erdgas ersetzen, also einen fossilen Brennstoff durch einen anderen fossilen Brennstoff.

Die Frage, ob Erdgas in Zukunft überhaupt in ausreichender Menge und zu vernünftigen Preises zur Verfügung stehen wird, wird gar nicht erst diskutiert. Die Grünen in Mannheim fordern anscheinend sogar noch eine schnellere Abschaltung des Großkraftwerkes. Die Stadt ist über ihren MVV-Anteil Miteigentümer des GKM. Bei der Kommunalwahl haben Grüne, SPD und Linke eine Mehrheit bekommen. Mal sehen, was diese drei Parteien für eine Energiepolitik im Stadtrat verfolgen werden. (Franz Grossmann, Mannheim)

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