Leserbrief

Das sagen Leser zum Bußgeld für demonstrierende Schüler

Zu den Artikeln „Bußgeldbescheide für Mannheimer Schüler„ vom 17. Juli und „,Fridays for Future’-Aktivisten fühlen sich bestätigt“ vom 19. Juli:

Ich ziehe meinen Hut vor Frau Direktorin Herr vom Geschwister- Scholl-Gymnasium in Mannheim. Sie schwimmt nämlich nicht mehr länger im Mainstream der verzagten Schülerstreikdulder mit und dokumentiert damit, dass Rechtsverstöße überhaupt und andauernde Verstöße im Besonderen Folgen haben.

Die Art, wie Frau Rettig in ihrem Artikel und im beigegebenen Kommentar die Sache behandelt, ist, gelinde gesagt, höchst grenzwertig und in ihrer Einseitigkeit nicht zu überbieten. Die „Fridays for Future“-Aktivisten (FfF) gar in die Nähe der Geschwister Scholl zu rücken, ist schon ein starkes Stück und zeugt von hanebüchener Geschichtsunkenntnis.

Niemand bestreitet den FfF-lern ihr demokratisches Demonstrationsrecht, aber die Schulpflicht ist nun einmal ein nicht weg zu diskutierendes Gesetz und nicht nur ein staatliches Angebot, das ich freischwebend annehmen kann oder auch nicht. Frau Herr hat mit ihrer Aktion ein Zeichen gesetzt, dass Gesinnung nicht alles ist und dass man sich selbst und dem Staat gegenüber eine Verantwortung hat, und sie verdient deshalb Unterstützung und Anerkennung und nicht Schmähung, vor allem auch nicht durch die Medien. Den Klimaaktivisten unter den Schülern sei wiederum wärmstens der Samstag zum Streiken empfohlen. „SfF“: Samstag for Future spricht sich leichter und klingt doch auch ganz schön. Bernd K. Haber, Schriesheim

Dem Mut der Schulleiterin des Geschwister-Scholl-Gymnasiums Frau Herr gebührt Respekt und Anerkennung. Sich gegen den populären Mainstream zu wenden, ist in diesem Falle mutig und richtig.

Frau Rettigs Kommentar zum Thema trifft den Punkt nicht. Schulpflicht und ihre Durchsetzung unterliegt doch wohl nicht moralischen Kategorien, und politisches Engagement kann nicht auf Dauer die Legitimation für deren Nicht-Einhaltung sein. Noch gewagter allerdings ist die Bezugnahme auf die Namensgeber der Schule. Eine Parallele zwischen den Geschwistern Scholl und FfF auch nur anzudeuten ist abwegig. Enrico Lust, Mannheim

Ich freue mich, dass Frau Silke Herr, die Schulleiterin des Geschwister-Scholl-Gymnasiums, so verantwortungsbewusst reagiert hat. Es ist verwaltungsjuristisch bedenklich, wenn Schüler mehrfach zwei Stunden pro Woche fehlen, um an einer Demonstration teilzunehmen. „Wehret den Anfängen“. Da musste Frau Herr zwangsläufig Bußgeld-Verfahren gegen die Übeltäter einleiten. Wolfgang Weber, Mannheim

Wo sich Gesinnung über das Recht erhebt, ist Widerspruch und Aufklärung geboten. Der „MM“ ergreift vielmehr einseitig Partei und zeigt Sympathie für eine Gruppe von aktivistischen Schülern und ihre unkritischen Mitläufer, die nonchalant ihre „klimapolitisch korrekte“ Gesinnung über das Recht (Schulpflicht) erheben. Mit solchen Artikeln und Kommentaren untergräbt man in gefährlicher Weise das Bewusstsein für Recht und Gesetz, auch und gerade von jungen Menschen.

Ein intakter Rechtsstaat ist der beste Schutz für ansonsten machtlose Bürger. Nur setzt dieser voraus, dass das Recht für alle gleich anzuwenden ist und bei Rechtsbruch konsequenterweise Sanktionen zu ertragen sind, und zwar unabhängig von politisch korrekter Gesinnung oder dem Druck der „Straße“ oder der Medien.

Man kann sich mittlerweile des Eindrucks nicht erwehren, dass in diesem Land bei bestimmten Themen die Herrschaft des Rechts durch die Herrschaft der „korrekten“ Gesinnung ersetzt worden ist. Eine Frage sei zum Schluss erlaubt: Würde der „Mannheimer Morgen“ mit gleicher Sympathie über Schüler berichten, die während der Unterrichtszeit wiederholt gegen ungeregelte Masseneinwanderung nach Deutschland demonstrieren? Rüger Schlund, Ludwigshafen

Die Jungen kämpfen dafür, dass die „Alten“ für eine lebenswerte Zukunft handeln. Allerdings geht das eigentliche Thema mittlerweile unter, weil ständig diskutiert wird, ob Schüler dafür freitags zwei Unterrichtsstunden versäumen dürfen. Mein Vorschlag: Diese beiden Stunden unter der Woche zwischen Montag und Donnerstag „anhängen“. Es wäre ja für Schüler und Lehrer keine zusätzliche Arbeitszeit.

Mich würden Berichte darüber, wie die demonstrierenden Schüler ihr umweltpolitisches Engagement privat umsetzen, wesentlich mehr interessieren. Können sie ihre Familien zu einem anderen Lebensstil bewegen? Verzichten Sie darauf, von den Eltern per Auto zur Schule transportiert zu werden? Schränken sie ihren persönlichen Konsum (Kleidung, Fast Food, das neueste Handy etc.) ein? Bestellen sie nicht mehr bei Online-Händlern (Thema Verpackungsflut)? Fragen über Fragen. Vielleicht erfahren wir „Alten“ das ja mal in einem anders aufgezogenen „MM“-Bericht. Dorothea Tilger, Mannheim

Es erstaunt schon, dass niemand in der Redaktion in der Lage ist, die Rechtswidrigkeit dieser freitäglichen Demonstration von Schülern (Schulschwänzern) zu erkennen und entsprechend darüber zu berichten und zu kommentieren. Oder diese Tatsache wird vorsätzlich und wider besseren Wissens einfach ignoriert. Auch die Rücknahme der Bußgelder durch die Stadt ist offensichtlich rechtswidrig, trotz formaler Nebelkerzen.

Nur weil der Zweck so toll ist, sollen die Mittel heilig sein. Was wäre, wenn die Kids für die AfD demonstrieren würden? Dieses Prinzip darf doch wohl nicht alle Regeln der demokratisch verfassten Gesellschaft aushebeln. Regeln haben zu gelten.

Die Schüler könnten demnach jeden Tag für ein anderes hehres Ziel wie „Sicherer Hafen Mannheim“, „Klimaschutz für alle“, „Hilfe für alle Darbenden in der Welt“, zur „Rettung von Welpen von bulgarischen Hundefängern“ oder sonstige emotional ergreifende Themen auf die Straße gehen und dann gar nicht mehr in die Schule. Grotesk.

Im Übrigen dürfen vorsätzliche Regelverletzungen nicht ungeahndet bleiben. Dann wären sie ja wohlfeil. Nach dem Motto: Ich protestiere, also bin ich, aber mir passiert nichts. Wunderbar. Dann rufe ich hiermit zum organisierten Falschparken auf. „Falschparken for Future“ sozusagen. Denn ein falsch geparktes Auto ist offensichtlich immer noch klimafreundlicher als ein verkehrskonform fahrendes.

Statt sich im mediengehypten Klimataumel zu bewegen, sollten die Schüler doch lieber für ihre ureigenen Interessen auf die Straße gehen: Investitionsstau in den Mannheimer Schulen: bei Hitze schattenlose, geteerte Schulhöfe, marode Toiletten, primitive Physik- und Chemieräume, digitale Diaspora. Der „MM“ hat darüber berichtet, aber das Thema nicht weiterverfolgt. Schade oder auch blamabel. Bernhard May, Mannheim

Die Schulleitung des Geschwister-Scholl-Gymnasiums hat sicherlich nicht klug gehandelt, als sie gegen einzelne Schüler wegen Teilnahme an den „Fridays for Future“-Demos bei der Stadt Bußgeldbescheide beantragt hat. Es war durchaus mit einer Welle der Solidarisierung zu rechnen und mit einem großen medialen Interesse, das den Veranstaltern nicht ungelegen kam. Und man kann auch Sympathien für die jungen Menschen entwickeln, die bereit sind, für einen Wechsel in der Klimapolitik zu kämpfen und den Weg des zivilen Ungehorsams gehen.

Wenn aber eine „Fachanwältin für Bildungsrecht“ in einem Interview mit dem „MM“ das Verhalten der Schulleiterin als „Hetze gegen die Kinder“ bezeichnet, ist dies verantwortungslos, ja eine Hetze gegen die Schulleiterin. Es handelt sich eben nicht um das unentschuldigte Fehlen von zwei Unterrichtsstunden, sondern um eine Aktion, die auf Dauer angelegt ist. Man kann eine Schulleiterin, die versucht, ihre Schüler wieder zum Schulbesuch anzuhalten, nicht so diffamieren. Friedrich Graser, Heddesheim

Nun gehen mutige Schüler auf die Straße und halten uns mit Recht vor, was wir der Erde angetan haben. Gier, Geld, Egoismus. Ja, es stimmt, es gibt eine Schulpflicht und wer unentschuldigt fernbleibt, muss irgendwann mit einem Bußgeld rechnen. Aber nicht nach vier Stunden. An diesem Beispiel sieht man jetzt, dass das an anderer Stelle zugunsten der Schüler entschieden werden muss. Ich finde dennoch, das Geschwister-Scholl-Gymnasium trägt einen großen Namen, den Namen des Widerstands einiger junger Menschen gegen ein unmenschliches Regime, und sie bezahlten dafür mit ihrem Leben – „Tod durch Erhängen“. Junge Menschen nehmen die Dinge jetzt selbst in die Hand; 24 Klimakonferenzen ohne Ergebnis – es reicht!

Es ist wie ein Tanz auf einem Vulkan – die, die alles haben und sich alles leisten können, nehmen mit, was geht – nach dem Motto „nach mir die Sintflut“ (vielleicht bald wörtlich zu nehmen). Aber ich möchte auch etwas Kritisches sagen, an die Schüler und an die meisten von uns: Ein T-Shirt weniger, ein Handy weniger, einmal weniger fliegen, die Jeans muss auch nicht die neueste Marke sein. Neben dem Klima ist der Konsumterror das Zweitschlimmste. Petra Stacha, Mannheim

Ohne diese Demos würde sich in Sachen Umweltpolitik gar nichts vorwärts bewegen. Zum anderen sind das Schüler des Geschwister-Scholl-Gymnasiums, also einer Schule, die nach Widerstandskämpfern benannt wurde, die sich während der Hitler-Diktatur durch Demos und zivilem Ungehorsam ausgezeichnet und das mit ihrem Leben bezahlt haben. Das ausgerechnet von dort aus solche Bußgelder angestoßen werden, ist ein Hohn in sich. Sollte die Schulleiterin nicht eher ein „Kaiser-Wilhelm-Gymnasium“ leiten, welches für beamtische Tugenden statt für Widerstandskämpfer steht? Stefan Heidrich, Lauda-Königshofen

Die Bußgeldbescheide sind unverhältnismäßig. Wie sieht das eigentlich mit den Lehrern aus, die wie selbstverständlich die unterrichtsfreie Zeit der Ferien als bezahlten Urlaub in Anspruch nehmen? Sie haben eigentlich auch nur 30 Urlaubstage (oder sogar weniger), wie andere Arbeitnehmer und Beamte auch! Wenn dann noch Fortbildungszeiten während der Unterrichtszeit genommen werden, ist das ein Missbrauch an den Schülern! Verletzen hier nicht die Schulleiter selbst ihre Pflichten? Klaus Wolf, Mannheim

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2SzA9js und http://bit.ly/2JZCMao