Leserbrief

Das sagen Leser zum Pro & Kontra Tempolimit

Zum Pro & Kontra „Ist ein Tempolimit notwendig?“ vom 12. April:

Wer zugunsten des Gemeinwohls (zum Beispiel Umwelt- und Klimaschutz, Rücksicht auf andere) zum Verzicht – notfalls auch durch ein Verbot – rät, wird mittlerweile häufig, bevor auf die eigentlichen Argumente eingegangen wird, persönlich mit Schlagworten wie Gutmensch oder Moral-Apostel, von Herrn Vetter Verbots-Apostel, lächerlich gemacht in der Absicht, die Argumente von vornherein gleich mit zu diskreditieren. Damit lenkt man meistens bewusst oder unbewusst davon ab, dass die eigenen Argumente weniger überzeugend sind. Bisher kenne ich diese Stimmungsmache nur aus Leserbriefen. Aber als offizielle, wenn auch persönliche Stellungnahme eines Korrespondenten? Ein seriöser Beitrag sieht anders aus.

Ich habe nie verstanden, inwiefern die Tatsache, dass auf den meisten Autobahnen bereits ein Tempolimit gilt und man darüber hinaus durch Staus häufig ausgebremst wird, ein ernsthaftes Argument gegen ein generelles Tempolimit sein soll. Im Gegenteil beweist das, dass außer den Rasern kein vernünftiger Autofahrer einen größeren Nachteil dadurch hat. Vielleicht sind ja 150 weniger Verkehrstote und entsprechend weniger Verletzte pro Jahr durch ein Tempolimit für Herrn Vetter angesichts der großen Gesamtzahl ebenfalls zu gering für die Einführung eines Tempolimits. Für mich sind sie allein schon Grund genug dafür.

Herr Kolhoff hat recht, dass das uneingeschränkte Rasen auch das allgemeine Verkehrsklima in Deutschland belastet. Wir fanden das im vergangenen Sommer auf der Rückfahrt von unserem Urlaub in Frankreich bestätigt. Nach dem auch schnellen, aber besonnenen und entspannten Fahren der Franzosen gingen in Deutschland gleich hinter der Grenze die Raserei und der Stress wieder los.

Für die meisten Autofahrer dürfte deshalb ein Fahren unter einem Tempolimit angenehmer werden. Das belegen auch Umfragen, in denen sich die Mehrheit für ein Tempolimit ausspricht. Eine Verbesserung der Verkehrskultur würde die CO2-Emissionen und die Zahl der Verkehrsopfer noch zusätzlich verringern. „Reisen statt Rasen“ ist eine bessere Devise als „Freie Fahrt für freie Bürger“.

Stefan Vetter spricht gegen ein Tempolimit mit teils falschen, teils abenteuerlichen Argumenten.

Stichwort Staus: Es ist durch ausführliche Untersuchungen nachgewiesen, dass viele Staus „aus dem Nichts“ gerade deshalb entstehen, weil sehr unterschiedliche Geschwindigkeiten den Verkehrsfluss stören. Und wir können fast jeden Tag in der Zeitung lesen, dass Staus zu Verkehrsunfällen führen – durch Auffahren auf das Stauende. Nicht selten mit Todesfolge.

Dass Autobahnen „die sichersten Straßen im Land sind“, ergibt sich aus dem unsinnigen Bezug von Unfällen auf gefahrene Kilometer; klar, dass dann das Fahren in der Stadt unfallträchtiger erscheint, wo vergleichsweise viel weniger Strecke zurückgelegt wird. Sinnvoll ist der Bezug auf gefahrene Zeit. Die Statistik für tödliche Unfälle bezieht sich auch auf Zeit und ergibt rund neun pro Tag in Deutschland; bezogen auf Fahrzeit ergeben sich logischerweise weit mehr als die von Vetter genannten 13 Prozent auf Autobahnen, also sterben da mehr als einer pro Tag; jeder ist einer zu viel.

Zu den CO2-Emissionen: Es wird behauptet, durch ein Tempolimit von 120 km/h würden „gerade einmal 0,27 Prozent der gesamten CO2-Emissionen in Deutschland eingespart“. Klar, denn da sind ja noch dabei: Haushalte (Heizen,...), Industrie, die Bahn, Verkehr außerhalb der Autobahnen, Lkw, Busse und vernünftige Fahrer auf Autobahnen, die alle in der Statistik die Schnellfahrer entlasten. So kann man Statistik missbrauchen!

Warum nicht gleich mit den Emissionen weltweit vergleichen? Dann brauchen wir gar nichts zu tun. Richtig ist der Vergleich: Um wie viel reduzieren sich die CO2-Emissionen eines Schnellfahrers im Vergleich zu seinen Emissionen bei Tempo 130? Dafür bin ich verantwortlich, und ich kann mich nicht hinter dem verstecken, was anderswo getan wird.

Die vielen Jugendlichen stellen uns auf ihren Demos freitags die Frage: Was kannst du tun, damit wir Nachfolgenden ein gutes Leben haben können, ein so gutes wie du jetzt haben kannst. Die Frage der Ökologie ist damit eine moralische Frage – und eine rechtliche, denn jeder hat laut Grundgesetz ein Recht auf ein Leben – ein menschenwürdiges, ein gutes Leben. Deshalb muss sich jeder verantwortlich verhalten auch in ökologischen Fragen. Ein Menschenrecht auf Schnellfahren gibt es nicht.

Und jetzt zurück zum Tempolimit: Um wie viel Prozent erhöhen sich meine CO2-Emissionen, wenn ich statt 130 km/h 200 km/h fahre? Die Antwort: um 100 Prozent. Das ist Physik – und Messung. Bei Verdopplung der Geschwindigkeit wird die gegen den Luftwiderstand aufzubringende Leistung viermal so groß, und bei größeren Geschwindigkeiten ist fast nur der Luftwiderstand maßgebend für die erforderliche Leistung.

Der ADAC – auf der gleichen Seite in Ihrer Zeitung – hält das Tempolimit „für überflüssig, da sich bereits eine Einigung der Politik auf alternative und bessere Maßnahmen zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes abzeichnet“. Typisches Ausweichmanöver: Wir brauchen A nicht zu tun, weil man ja auch B, C und D tun könnte. Für die dann die gleiche Ausweichtaktik gilt.

Richtig ist: Wenn ein Tempolimit nur eines von zehn Dingen ist, die für den Klimaschutz getan werden können, dann sollten wir das Eine tun und die anderen Neun auch. Für uns und für unsere Kinder. Den Fuß runter vom Gaspedal. Einfacher geht’s nicht.

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2IAVmqk