Leserbrief

Das sagen Leser zum Text über Alltagsrassismus

Zur Debatte „Wie äußert sich Alltagsrassismus in Deutschland, Herr Mabanza?“ vom 11. Juli:

Herrn Mabanzas Debatten-Text enttäuscht meine Erwartung an einen promovierten Philosophen, da seine Aussagen zu undifferenziert sind. Wenn Rassismus als eine „internalisierte Haltung in jeder weißen Person“ definiert wird, ist das nicht beweisbar oder widerlegbar, weil wir lediglich in der Lage sind, Verhalten (auch verbales) zu erleben; alles Weitere sind unüberprüfbare Unterstellungen und erzeugen nur Widerstand und Abwehr (vgl. dazu das aktuelle Buch von Carmen Thomas „Reaktanz. Blindwiderstand erkennen und umnutzen. 7 Schlüssel für besseres Miteinander?).

Auch die Aussage, dass alle weißen Personen einer „Annahme der weißen Überlegenheit“ unterliegen, ist eine unüberprüfbare Spekulation. Wer etwa Arbeiten von afrikanischen Historikern auf Kulturgeschichte liest oder Veröffentlichungen, die unsere übliche Sicht der Geschichte in Frage stellen, und sei es nur provokativ, entwickelt eine differenziertere Sicht. Auch wer die neuere Geschichte der Hutu und Tutsi betrachtet. Inwieweit die „Diskriminierungserfahrungen“ von BIPoCs (also „Schwarzen“, „ursprünglichen BewohnerInnen von geografischen Regionen“ und „Farbigen“) prinzipiell Rassismuserfahrungen sind, erklärt Herr Mabanza nicht.

Der Versuch, die „Ideologie Rassismus“ auf „nicht-Weiße“, „nicht-Deutsche“, „nicht zur deutschen Gesellschaft Gehörige“ anzuwenden, wirkt diffus; eine enge Verbindung zu Entmenschlichung, Erniedrigung und Ausbeutung auf den Kontext der Versklavung von Menschen afrikanischer Herkunft, Kolonialismus und Neokolonialismus zu behaupten, ist historischer Unsinn: schon immer, auch auf dem afrikanischen Kontinent, wurden (militärisch/kulturell) unterlegene Völker unterdrückt, versklavt, entmenschlicht, auch innerhalb gleicher Hautfarbe.

Bei der Erfahrung, als hellhäutiger Deutschsprechender in einigen Ländern als „Nazi“ bezeichnet zu werden, zu sagen, dass die einzelnen Diskriminierungsbetroffenen nicht für historische Nazi-Taten verantwortlich sind, aber für die historischen Geschehnisse Weißer gegenüber Schwarzen pauschal Verantwortung tragen sollen, ist irritierend. Es ist psychologisch klar, dass wir (äußerlich) von uns selbst und unseren Bezugsgruppen abweichende Personen skeptisch wahrnehmen; das ist eine generelle Erkenntnis der Bezugssystemforschung und lebensnotwendig, weil eine individuelle Prüfung aller Fremden unmöglich ist – als über 60-Jähriger setze ich mich in der Straßenbahn auch nicht neben jugendliche Weiße! Welche Kriterien wir zur Unterscheidung nutzen, ist individuell gelernt, anerzogen, gesellschaftlich und kulturell vermittelt und sollte reflektiert werden – aber differenzierter! Ulrich Schweiker, Mannheim

Ich kann die Absicht von Herrn Mabanza gut verstehen, etwas gegen Rassismus zu tun und darüber aufzuklären. Echter Rassismus muss bekämpft werden. Es hilft aber andererseits nicht, wenn wir uns gegenseitig „Alltagsrassismus“ vorwerfen und einen angeblichen Rassismus überall dort hineininterpretieren, wo gar keiner ist. Die Beispiele, die Herr Mabanza zu „Alltagsrassismus“ anführt, sind sehr mager. Er hat tatsächlich im ganzen Artikel nur zu bemängeln, dass wir fremd Aussehende gern nach ihrer Herkunft fragen und dass wir ihnen gegenüber vorsichtig sind und besonders auf unsere Siebensachen achten.

Herabwürdigende Blicke? Wie blickt man herabwürdigend? Und das soll alltäglich sein? Afrikaner hätten eine angeborene rhythmische Begabung – ja, sowas Dämliches habe ich tatsächlich schon irgendwo gehört, aber sicher ist es nicht alltäglich. Fremde werden überall erst einmal vorsichtig und misstrauisch betrachtet, das ist doch eine ganz normale Reaktion, das hat überhaupt nichts mit Rassismus zu tun! Auch wenn ein Norddeutscher in ein süddeutsches Dorf umzieht, oder umgekehrt, muss er sich das Vertrauen der Alteingesessenen erst erarbeiten.

Solange 95 Prozent aller Menschen in Deutschland oder Europa weiß sind, erregt ein Schwarzer eben mehr Aufmerksamkeit. Ich werde als Langnase in China auch erstaunt, misstrauisch oder neugierig angekuckt. Was ist daran rassistisch? Das ist überall die erste, natürliche Reaktion auf Fremde.

Wenn jemand oder dessen Familie erkennbar, z. B. aufgrund seines Aussehens oder seiner Aussprache, aus einem andern Land stammt, ist doch die Frage nach der Herkunft sehr naheliegend. Sie ist sozusagen ein passender Türöffner, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Sehr schnell ergeben sich daraus interessante Unterhaltungen über die verschiedenen Kulturen, Bräuche, vielleicht auch über Probleme, die jemand hier hat. Reste von wirklichem Rassismus wird man leider auch bei uns gelegentlich immer finden, dagegen muss man vorgehen. Vielleicht manchmal auch behutsam, denn nicht jeder meint es so. Manfred Riemer, Mannheim

Ich bin sehr dankbar, dass das vehement auftretende Problem Rassismus und Diskriminierung und ihre Folgen in unserer Öffentlichkeit immer mehr Aufmerksamkeit, Interesse, Gehör und Beachtung findet und man ihm mittlerweile auch den Stellenwert beimisst, der notwendig ist. Ich denke, wir müssen die möglichen Gründe zuallererst bei uns selbst suchen. Ich habe für mich die Erfahrung gemacht, dass es sich lohnt, sein eigenes Denken und Handeln zu analysieren, und es absolut Sinn macht und gilt, zuerst einmal bei sich selbst genau hinzuschauen. Sich zu reflektieren und sich zu hinterfragen, trage auch ich mit meiner Einstellung, Äußerungen etc., wenn auch vielleicht unterschwellig und unbewusst, zu diesem Gesamtproblem bei. Diese Frage sollte jeder für sich intensiv, ehrlich, und selbstkritisch führen. Denn seien wir mal ehrlich, haben wir nicht alle schon bestimmte Situationen erlebt, in denen wir selbst den fehlenden Mumm hatten, nicht die eigene Meinung zu vertreten?

Ich muss mir auch die Frage stellen, bin ich bereit mich für unsere demokratischen Freiheits- und Grundwerte einzusetzen und jeder Art von Rassismus und Diskriminierung entgegenzutreten und zu bekämpfen? Ist mir bewusst, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Und das gemäß § 3 unseres Grundgesetzes. Gelingt es mir, auch nur annähernd, das nachzuempfinden bzw. zu fühlen was Menschen, denen Unrecht zuteilwird, erleiden und aushalten müssen?

Es ist eine Tatsache, dass der Mensch dazu neigt, andere für seine persönliche Situation, Misere oder Frust verantwortlich zu machen. Bin ich davor gefeit und frei? Jeder von uns sollte dafür dankbar sein, dass er in ein Land hineingeboren wurde und leben darf, in dem Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Gleichheit, Menschenwürde, Menschenrechte und Grundwerte hohes Gut sind, in dem kein Krieg und Verfolgung herrschen, indem er kein Hunger leiden muss und in dem Rechtsstaatlichkeit gilt. Was für ein Glück.

Zudem sollte sich jeder von uns vor Augen führen, dass die Genforschung ganz klar bewiesen hat, dass es keine Rassen gibt, sondern der Begriff Rasse nur eine Erfindung von Menschen ist. Über die Themen Rassismus und Diskriminierung und ihre Folgen muss so früh wie möglich in unserer Gesellschaft aufgeklärt und gesprochen werden. Sei es in den Familien, in den Vereinen, Kirchen, Gewerkschaften, Parteien und, und, und. Es ist ein absolutes Muss, sie als festen Bestandteil (eigenes Unterrichtsfach) in unseren Schulen zu installieren. Thomas Proft, Schwetzingen

Info: Originalartikel unter https://bit.ly/3hm4xJl