Leserbrief

Das sagen Leser zumButterwegge-Debatten-Text

Zum Artikel „Warum spitzen sich die politischen Konflikte in Deutschland zu, Herr Butterwegge? vom 14. März:

Der Artikel ist eine kommunistische Propaganda und will den Neid der Menschen schüren! Der Bevölkerung in Deutschland ist es nie so gut gegangen wie jetzt. Dies ist eine Folge der sozialen Marktwirtschaft. Bei Umfragen stellt sich immer heraus, dass es den Befragten gut geht, dass sie sich aber Sorgen machen wegen des Auseinanderdriftens der Einkommen und Vermögen.

Das Auseinanderfallen der Einkommen ist zurückgegangen, das schreibt Butterwegge am Anfang selbst, aber später wiederholt er die Aussage. In der Mitte seines Artikels streut er die unbewiesene Behauptung von verdeckten Parteispenden und Bestechung von Abgeordneten ein. Zum Schluss ruft er zur Umgestaltung der kapitalistischen Wirtschaft und des Finanzsystems auf.

Der Professor hat die Erfahrungen in der Sowjetunion und der DDR völlig vergessen. Der Kommunismus hat Millionen von Toten produziert und den betroffenen Menschen unermessliches Leid zugefügt. Soll das alles wiederkommen?

Günter Seyrich, Weinheim

Eine friedliche, demokratisch und humane Entwicklung bedingt eine liberale Gesellschaft. Das erfordert eklatante Ungleichheiten von Einkommen und Vermögen zu vermeiden; da ist Butterwegge zuzustimmen. Beleuchten wir es näher, erfordert es kritischer Hinterfragungen: Wie lassen sich Risse des Misstrauens, die durch die Ungleichheit entstanden sind, wieder korrigieren?

Die Auffassung, die Bundesrepublik sei nach dem Tabubruch in Thüringen politisch wie nie zerrissen, ist so nicht haltbar. Reflektieren wir die vergangenen 20 Jahre, erkennen wir sichtbare Verwerfungen, die weder einzig im politischen noch ökonomischen Spektrum angesiedelt waren, sondern vielmehr aus einem Konglomerat verschiedener Umstände entstanden. Ein Vertrauensriss, der politisch vorgezeichnet wurde, spielt eine entscheidende Rolle. Zwar verringerte sich das Gefälle zwischen Arm und Reich – insbesondere bei Löhnen und Gehältern –, doch nicht signifikant; von einem Paradigmenwechsel keine Rede. Gleichwohl: Deutschland hat trotz prosperierender Ökonomie über Jahrzehnte nicht vermocht, die Vermögen der Menschen halbwegs stabil zu erhöhen. Es wäre eine Chance gewesen, den populistischen Trittbrettfahrern nachhaltig in die Parade zu fahren.

Im europäischen Vergleich zeigt sich, dass selbst in Ländern, in der die Ökonomie weder günstig noch nachhaltig wirkte, Vermögen beträchtlich stiegen. Erstaunlich, wenn wir bedenken, dass wir umverteilen, was das Zeug hält; allerdings nicht von oben nach unten, sondern vorwiegend von Mittleren- in die unteren Einkommensschichten. Die Reichen blieben geschont.

Butterwegge zitiert das DIW: 45 „hyperreiche Familien“ sollen ausschlaggebend sein für die Vermögenschieflage im Land. Ist das so? Es ist zu bezweifeln! Der Geist unserer materiellen (Leicht-)Gläubigkeit scheint vielmehr einseitig belegt. Bitte nicht missverstehen: Die Unternehmen kommen einer hohen sozialen Verantwortung innerhalb der Gesellschaft nach; und sind eine der tragenden Säulen der Demokratie. Dass superreiche Erben über Milliarden verfügen, aber – mit wenigen Ausnahmen – weder Produktivität noch Arbeitsleistung generieren, halte ich für systemkritischer.

Die Schere gegenüber zig Millionen Geringverdienern, selbst gutausgebildeten Arbeitnehmern, driftet weiter auseinander. Die Mittelschicht wird gestreckt – so führt es zu der beschriebenen sozioökonomischen Ungleichheit.

Karl-Heinz Schmehr, Lampertheim

Die Ausführungen von Herrn Butterwegge fand ich einleuchtend. Die Frage, wie die sozio-ökonomische Ungleichheit, die er als Grund für schwindenden gesellschaftlichen Zusammenhalt und Demokratie-gefährdend beschreibt, verringert werden kann, ist meines Ermessens allerdings nicht einfach zu beantworten. Seine Vorschläge, „konsequente Besteuerung hoher Einkommen und großer Vermögen“ und „Umgestaltung des kapitalistischen Wirtschafts- und Finanzsystems“ am Ende des Artikels, klingen etwas sehr allgemein und schwer umsetzbar.

Grundsätzlich lese ich gern mal ungewöhnliche Hintergrund-Artikel und Interviews. Solche würde ich mir besonders auch bezüglich der Corona-Krise wünschen.

Anne Schüler, Weinheim

Uns gefiel der Artikel von Christoph Butterwegge. Es ist eine sehr zutreffende Analyse der Ursachen und Auswirkungen der Ungleichheit, insbesondere im Hinblick auf die populistischen und nationalistischen Versuche zur Destabilisierung des politischen Systems. Unter Verweis auf die wütenden und einseitigen Angriffe, die Ihr Journalist Walter Serif hinnehmen musste, als er seine ebenso mutigen Beiträge in Ihrer Zeitung veröffentlichte, befürchten wir, dass auch der Artikel von Herrn Butterwegge einer Verleumdungskampagne von Sympathisanten der AfD ausgesetzt wird. In diesem Zusammenhang scheint es uns, dass Ihre Zeitung diffamierenden Briefe nicht unbeantwortet lassen darf, sondern dem Autor die Möglichkeit einräumen sollte, auf Anmerkungen der Leser einzugehen.

Irene und Armando Accardo, Mannheim

Der Autor beansprucht, alle Probleme in unserer Demokratie mit der „sozioökonomischen Ungleichheit“ im Lande zu erklären. Wer arm ist, geht nicht wählen, sagt er, und sollte deshalb die für die „Wahrnehmung der vollen Staatsbürgerrechte erforderlichen finanziellen Mittel“ zur Verfügung gestellt bekommen. Das zum Beispiel kann man nur als abstraktes Gequassel bezeichnen. Auch die ökologischen Probleme unserer Zeit sind für ihn nur durch Ungleichheit bedingt, denn der gesellschaftliche Reichtum werde privat angeeignet. Wenn es denn so einfach wäre. Das System „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ hat einen Moloch von Staat hervorgebracht, der das jeweils definierte, was dem Einzelnen zustand. Wir haben uns dagegen für einen Staat entschieden, der das „Jeder nach seinen Fähigkeiten“ deutlich eingeschränkt hat.

Wer ohne Fähigkeiten ist, wird von der Sozialgemeinschaft mitgetragen. Über den Umfang des Mittragens kann man streiten. Man sollte aber nicht so tun, als ob der Sozialstaat gar nicht existiert. Klima-, Natur- und Umweltschutz müssen wir alle ernst nehmen und unseren Teil dazu beitragen und nicht darauf warten, dass unser kapitalistisches Wirtschaftssystem umgestaltet wird. Was zu tun wäre, wissen wir alle, wir müssen es nur tun.

Werner Helmke, Birkenau

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