Leserbrief

Zum Debattenbeitrag „Gibt es eine Alternative zur Sozialen Marktwirtschaft, Herr Hochmann?“ vom 12. September

Das sagen Leser zur Debatte über die Marktwirtschaft

Zum Debattenbeitrag „Gibt es eine Alternative zur Sozialen Marktwirtschaft, Herr Hochmann?“ vom 12. September:

Leider, Herr Hochmann kenne ich Ihre Lösung für eine neue Gesellschaft nicht, oder konnte sie nicht erkennen. Ist es die Große Transformation (Welt im Wandel, Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation), oder denken Sie an eine DDR2.0, aber dieses Mal natürlich demokratisch. Die von Ludwig Erhard eingeführte Soziale Marktwirtschaft hat uns aus den Trümmern des Krieges in neuen Wohlstand gebracht. Leider entfernen wir uns immer weiter von diesem Erfolgssystem und unsere Politiker übertreffen sich, immer neue Gesetze und Verordnungen zu produzieren, die jede Wirtschaft zugrunde richten.

Wettbewerb ist das Erfolgssystem, das der Welt die Entwicklung von der Zelle zum modernen Menschen ermöglichte. Alle sozialistischen Systeme sind bisher gescheitert, weil sie bankrott wurden, oder ihnen die Menschen davon liefen. Sie versuchten einen neuen sozialistischen Menschen zu erziehen, aber es füllte nur die Straflager und Gefängnisse. Läuft die Wirtschaft gut, dann profitieren alle, auch der Staat mit seinen Steuern. Und der sollte sich vor allem um die Schwächsten und um die kümmern, die unverschuldet in Not geraten.

Ich stimme Herrn Hochmann zu, dass es einen Weg geben muss zwischen Turbokapitalismus und Sozialismus. Diesen Weg werden wir aber nicht finden, ohne das Verhältnis der Kategorie „Eigentum“ und der Kategorie „Beitrag zu einer gerechten Gesellschaft“ neu zu kalibrieren.

Wenn ein Schuldnerberater und eine Suchtkrankentherapeutin einen 55-jährigen Langzeitarbeitslosen erfolgreich beraten und therapieren und dieser Mensch den Weg auf den ersten Arbeitsmarkt zurückfindet – dann entsteht dem Staat bis zum Renteneintrittsalter dieses Mannes ein Nutzen in Höhe von circa 150 000 Euro durch den Wegfall von Transferleistungen und zusätzlichen Einnahmen aus Sozialversicherungsbeiträgen und Steuern. Dieser Gewinn wird jedoch nicht bei dem Wohlfahrtsverband bilanziert, der diese Leistung erbringt. Vielmehr muss sich dieser soziale Dienstleister damit auseinandersetzen, dass eine Sozialarbeiterstunde in diesen Handlungsfeldern 90 Euro kostet, aber aus öffentlicher Förderung nur etwa die Hälfte eingenommen werden kann.

Umverteilung funktioniert nicht

Die Umverteilung, die dazu führen soll, dass Menschen aus eigener Kraft soziale und wirtschaftliche Teilhabe praktizieren können, funktioniert nicht in ausreichendem Maße. Stattdessen steuern wir auf eine Almosengesellschaft zu, die zwar noch Verelendung lindern kann, aber immer weniger Teilhabe-Chancen zur Verfügung stellt, weil sie auch die Daseinsfürsorge zu einem ökonomisierten Geschäft macht.

An der ersten Stelle einer verbesserten Umverteilung sollten jedoch die Familien stehen. Wer heute ein Kind großzieht, hat einen Porsche weniger vor der Tür. Familien brauchen jedoch nicht unbedingt einen Porsche, aber eine familiengerechte Infrastruktur mit pandemieresistenten Kitas und Schulen in der Nachbarschaft. Damit dies gelingt, müssen an zweiter Stelle die Kommunen als Begünstigte einer verbesserten Umverteilung stehen.

Die soziale und wirtschaftliche Handlungsfähigkeit der Kommunen vermag am besten dafür zu sorgen, dass sich Menschen sozial integriert und abgesichert fühlen. In einem solchen System wäre sicherlich auch die Finanzierung der Daseinsfürsorge kein Problem mehr. Dann könnten wir wieder effektiver dazu übergehen, Menschen zu befähigen, ihren Platz einzunehmen.

Es gibt kein Universalrezept gegen das schwelende Marktversagen in allen bekannten politischen Systemen. Aber es gibt die Chance, die Ausgabe von Geldern für Familien, Kommunen und die Wohlfahrt als Gewinn für eine gerechtere Gesellschaft zu bilanzieren. Die Bewältigung der Folgen des Klimawandels unter den Aspekten Mobilität, Energie, Wohnen, Arbeit und so weiter liegt quer auch auf diesen Themen. Von der Lösung dieser Probleme hängt eine Menge ab, vielleicht auch alles …

Dass es auch noch Wirtschaftswissenschaftler gibt, denen in den letzten Jahrzehnten der neoliberalen Hochschulausbildung nicht das eigene Denken verlorenging, ist hocherfreulich. Wenn diese Denkweise es auch noch in die Hochschulen schaffen würde, wäre ein ganz großer Schritt vorwärts getan. Auch wenn das eine sehr lange Lernstrecke wäre. Bitte weiter so, Herr Hochmann!

Info: Originalartikel unter https://bit.ly/3016UuR