Leserbrief

Das sagen Leser zur Grundgesetz-Ausgabe

Zur Grundgesetz-Ausgabe vom 23.5.:

Sehr geehrte Zeitungsmacher! Seit rund 50 Jahren beziehe ich Ihre Zeitung. Bis heute hatte ich noch nie einen Leserbrief geschrieben. Aber Ihre Beiträge zum 70. Jahrestag unseres Grundgesetzes veranlassen mich, Ihnen insbesondere zur Aufmachung der Frontseite mein höchstes Kompliment auszusprechen. Der Artikel 1 des Grundgesetzes ist meines Erachtens noch nie so aussagekräftig in Szene gesetzt worden! Auch die gesamte Aufmachung und die sehr interessanten Artikel dieser Ausgabe werden wohl dazu beigetragen haben, dass manch ein Bürger zur Wahl gegangen ist, um zur Erhaltung unserer Werte beizutragen. (Volker Batz, Hockenheim) 

Ihre Zeitung vom 23. Mai glänzt zum Jubeltag auf das Grundgesetz mit dem Wortlaut des Artikels 1 des Grundgesetzes auf der Titelseite: Die Menschenwürde ist unantastbar. Man kann den Geburtstag des Grundgesetzes sicherlich feiern, aber landauf, landab vermisst man dazu kritische Töne. Schon beim Betreten eines Pflegeheimes wird einem deutlich, dass es mit der Menschenwürde nicht weit her ist. So fragt denn doch ein Schreiber dann auf Seite 31: Ist sie denn wirklich unantastbar?

Das große Bild mit der Hand einer Pflegebedürftigen, das schon in seiner Hilflosigkeit eine Antwort nahelegt, wird dann im wahrsten Sinne des Wortes wortreich „umschrieben“. Den Kern des Themas trifft dieser Artikel nicht. Selbst hier fehlt die Feststellung und die Erkenntnis, dass wir immer noch in einem klerikal bestimmten Staat leben.

Wie könnte denn ein unsichtbarer, gestaltloser Gott Menschen nach seinem Bilde schaffen? Und wo steht für Gläubige ein Gotteswort, dass sie ein Geschenk erhalten hätten, das sie unter Umständen schwer leidend bis zu ihrem Ende hinzunehmen hätten? Was ist mit denen, die ein derartiges Weltverständnis nicht teilen? Deutschland hat ein Selbsttötungsverhinderungsgesetz, das den Menschen ihre Würde nicht als ureigenstes Anliegen zuerkennt und sie selbst bestimmen lässt, wann sie mit verantwortungsbewusster Hilfe über das Ende ihres Lebens bestimmen können.

Wachsende Kinderarmut

Im Artikel wird auch das Bundesverfassungsgericht zitiert, das unter Bezug auf die Menschenwürde ausdrücklich verbietet, einen Menschen zum Objekt herab zu degradieren. Doch genau das macht man mit Pflege- und Sterbewilligen. Sie werden zu Investitionsobjekten, zu Apparate-Anhängseln, zu umfassenden Pharmakunden und zu hilflosen Zuwendungsobjekten. Niemand muss sterben, aber die Rechtsordnung sollte auch akzeptieren, dass es jedem Menschen überlassen bleiben muss, wann er seine Würde als verloren ansehen muss.

Als weiteres Beispiel, bei dem auch finanzielle Aspekte eine dem Geist des Grundgesetzes widerstehende Ordnung erstellt wurde, ist die Besteuerung höchster Vermögen und gar die milliardenschwere Vererbung von Vermögen auf der einen Seite und die stets wachsende Kinder- und Rentnerarmut. Daran werden auch die gegenwärtigen Bemühungen mit einer Grundsicherung nichts Wesentliches ändern.

Vergessene Parlamentarier

Der Widerstand kommt nicht aus den Gedanken des Grundgesetzes. Das Grundgesetz ist immer noch ein Versuch, die Welt menschlicher und die Lebensverhältnisse besser zu machen, aber in weit mehr Bereichen als in einem Leserbrief aufgelistet werden kann, versagt die sich daraus zu entwickelnde Politik.

Bei vielen Themen sollte man einmal einen Aufkleber „Menschenwürde?“ anbringen. Schule, Bildung, Internet, Datenschutz, Integration, Infrastruktur, Lobbyismus, Militarismus – überall könnte man diesen Aufkleber anbringen, auch wenn manches nicht schon auf den ersten Blick erkennbar wird.

Dann könnte auch einmal schlagartig klar werden, wie weit die Sonntags- und Jubelreden von der Wirklichkeit entfernt sind. Was auch in dieser Feierlichkeit stört, ist das Vergessen der aufopferungsvoll kämpfenden Parlamentarier von 1848 und 1919. Ohne diese Vordenker wären wir wohl kaum zu einem Grundgesetz gekommen. (Roland Weber, Mannheim)