Leserbrief

Das sagen Leser zur künstlichen Intelligenz

Zum Debattenbeitrag „Was müssen wir ändern, um die Chancen der Digitalisierung zu nutzen, Herr Heynkes?“ vom 24. November:

In dieser Zukunft, wie Herr Heynkes diese idealerweise darstellt, werden wir wohl leben müssen – sie hat schon lange begonnen! Wir nahmen es zur Kenntnis oder auch nicht; ob uns das eine oder andere gefiel oder missfiel, wir konnten es nur teilweise mit entscheiden.

Eigentlich hat der Konsument eine ungeheure Macht! Er ist sich deren aber leider nicht bewusst. Heynkes beschreibt eine Welt, die uns George Orwell mit seinem Roman „1984“ vor Augen führte und uns lange vor dieser Zeit fürchterlich erschreckte. Sie trifft in unseren Tagen immer schneller bei uns ein. Die vierte industrielle Revolution, die uns in den kommenden Jahren verändern wird wie noch nie etwas in so kurzem Zeitraum der Menschheitsgeschichte, zwingt uns, digitale Kompetenzen zu erwerben.

Die künstliche Intelligenz, die selbst schon manchen Rohstoffen innewohnt, ist von vornherein nichts Schlechtes. Ihre Anwendung im alltäglichen Leben eher. Wir werden schon genug fremdgesteuert! Die Digitalisierung unserer Umwelt wird unsere Freiheit noch mehr einschränken, geradezu gefährden. „Wenn wir das wollen“ ist die treffendste Bemerkung in diesem Artikel, denn wir haben noch einige Entscheidungen frei.

Was ist eine sinnentleerte oder üble Arbeit? Als Kind nagelte ich stundenlang mit meinen kleinen Kinderhänden Zigarrenkisten zu, fand das überhaupt nicht sinnentleert und war stolz, es schneller als Erwachsene zu können. Dabei gab’s noch ein Taschengeld! Gerade in der heutigen Zeit finden sich immer mehr Menschen, die auf eine einfache Tätigkeit angewiesen sind und damit frei von staatlicher Unterstützung. Roboter haben diese Leute „frei gestellt“, das heißt arbeitslos gemacht.

Mal davon abgesehen, dass nicht jeder bereit ist, solche Arbeiten für billiges Geld zu übernehmen, ist auch die Differenz zwischen dem Nichtstun und dem Arbeiten nicht allzu hoch und die Anerkennung der Gesellschaft für solche Leute fehlt oft völlig. Und was machen wir, Herr Heynkes, mit der gewonnenen freien Zeit? Brauchen wir diese nicht, um Probleme zu lösen, die wir früher gar nicht kannten?

Die elektronischen Butler sind auch nicht ganz ohne und können enorme Probleme verursachen. Im Angebot des Smart-Home gibt es zwar sinnvolle Vorschläge, aber auch sehr, sehr fragliche! Nicht alles funktioniert immer beim „Knöpfschedrigge“ – und manchmal braucht’s einen teuren Spezialisten! Was den Fleischkonsum anbetrifft: Gewiss würden wir alle weniger Fleisch essen, wenn wir selbst schlachten müssten. Immer weniger wird uns das lebendige Tier dahinter bewusst. Tiere sind aus unserem Blick entrückt, sie stehen nur im Urlaub auf der Weide, ansonsten in Ställen. Ihre Haltung tut uns weh, wenn wir die Bilder sehen, die Aktivisten unter großer Gefahr veröffentlichen. Ihre zum Teil grausame Schlachtung erregt unsere Gemüter, doch wollen oder müssen viele in den Ketten billig einkaufen. Die Metzger vor Ort schlachten nicht mehr, niemand sieht mehr, wie ein Tier abgeholt wird, Kinder schon gar nicht.

Uns Kindern war stets klar, dass Lebendiges sich nur von Lebendigem ernähren kann und Hühner nicht begraben werden. Es gilt, sich mehr dafür einzusetzen, dass Tiere ein gutes Leben haben und einen leichten Tod. Ansonsten sollte jeder selbst entscheiden dürfen, ob er Fleisch essen will oder lieber darauf verzichten. Herr Heynkes, Sie haben recht, dass sich unser Leben in der Zukunft massiv verändern wird. Ihre Einladung, sich frühzeitig darauf einzulassen, ist falsch. Bekanntlich geht zwar mit der Zeit, wer nicht mit der Zeit geht, wir sollten aber nicht mit- oder gar voraus rennen! Ein bisschen mit Verstand dagegenhalten täte ganz gut. Sich seines Verstandes zu bedienen, das täte in unserer Zeit not!

Ich als Bäuerin, die ein Leben lang in der Landwirtschaft gearbeitet hat, bekomme Angst, wenn ich lese, was auf uns Menschen zukommt. Zu sehen, wie Nahrung entsteht, säen, pflanzen, pflegen, wachsen und ernten hat mich immer wieder begeistert. Für mich ist digitale Technologie zwar ein unglaublicher Fortschritt, aber mein Leben auf Knopfdruck umstellen, macht mich traurig und lässt mich, das Werden und Vergehen, das die Natur uns vorgibt, in Frage stellen.

Der Autor vergleicht die in fünf bis 20 Jahren auf die Menschheit anbrandende Digitalisierungswelle vom Typus „Künstliche Intelligenz plus“ mit einem Tsunami. Welch frevelhafter Gedankengang! Auch stellt er einem Atomkrieg und dem Klimawandel die „KI plus“ als das „dritte Tool“ gegenüber, das alleine nur die Welt vor dem drohenden Untergang retten könnte – oder auch nicht …

Ja, es stimmt, die Digitalisierung hat in kurzer Zeit bedeutende Fortschritte gemacht: Speichervolumina, Suchmaschinen, GPS, Maps & Earth Pro, Smartphone, SmartTV, Mobilfunk, Prozesssteuerungen, Industrierobotik – um nur einige Beispiele zu nennen. Aber mit seinen Vorstellungen, es müsste zügig so weitergehen in märchenhafte Regionen, ist der Autor weit über maßlose Utopien hinausgeschossen.

Die Menschheit braucht solche Zukunftsfantasten wie diesen Dramatiker, damit wir begreifen, was mit der Digitalisierung alles nicht möglich ist: Wer sehnt sich nicht nach einer Haushaltshilfe in Form eines Roboters der vierten Generation, der die Spülmaschine ausräumt, wäscht, bügelt und das Kinderzimmer aufräumt? Die luxuriösen Robotermonster für jeden Haushalt müssten erst einmal konstruiert und millionenfach gebaut werden, und die Bewohner müssten alle das Geld flüssig und Platz haben für so ein Ding-Wesen.

Eine Verkehrswende namens „Schwarmmobilität aus der Cloud“, welche alle Fahrzeuge elektrisch und autonom antreibt, die komplette Flotte an Verbrennern ersetzt und unsere Stadtstraßen von Parkstellflächen bereinigt? Da müssten die Millionen E-Autos alle Zugang zu einer vandalismussicheren, universell nutzbaren und freien Steckdose haben – und zwar möglichst sowohl zu Hause als auch auf Strecke.

Städtische Farmhäuser, wo In-vitro-Fleisch zum menschlichen Verzehr herangezogen wird? Kaufhof & Karstadt müsste man aus den Innenstädten verbannen beziehungsweise enteignen, um auf deren Gelände urbane Stadtfarmen aufzupflanzen und außer Blumen und Gemüse zum – Stammzellenfleisch zu züchten. Hallo, Herr Heynkes: gehts noch?

Das war kein Gastbeitrag. Da hätte groß „Anzeige VillaMedia“ drüber stehen müssen. Wie kommt Ihre Zeitung dazu, so jemandem so viel Raum einzuräumen, Werbung in eigener Sache zu machen? Anders als der Autor unterstellt, wird seit Anbeginn die Digitalisierung (eigentlich schon die Automatisierung) über deren Auswirkung intensiv gesellschaftlich diskutiert. Nur eben nicht mit dem vom Autor gewünschtem Ergebnis kritiklosen Akzeptanz dieser Entwicklung.

Schon das papierlose Büro hat sich als digitale Illusion entpuppt und aktuell wurde die digitale Sensorelektronik dazu genutzt, dem Autofahrer dreckige Autos als saubere zu verkaufen. Ganz zu schweigen von den ethischen Problemen selbst fahrender Autos, selbst tötender Drohnen und (selbst wählender) Wahlautomaten. Schöne neue digitale Welt in den Händen einiger weniger IT-Firmen und Hackern.

Henry Ford hat die Automobilisierung und Atomminister Franz-Josef Strauß die Kernenergie genauso heilsbringerisch angepriesen. Sie hätten ihre Freude an so einem Artikel gehabt. Wir wissen heute um die Probleme. Daher empfehle ich jedem, lieber die Bücher „Black out“ und „Der Circle“ zu lesen.

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2QxXXFU