Leserbrief

Das schreiben Leser dieser Zeitung zu Corona

Zum Thema Corona:

Seit dem Ausbruch der Pandemie sind Ärzte und Virologen die gefragtesten Informanten. Die Sorgen und Nöte der Menschen, aber auch ihre Hoffnungen wurzeln freilich tiefer. Corona hat die gesamte Gesellschaft veranlasst, über sich nachzudenken. Billionen Euro werden ausgegeben und bleiben als Schulden hängen. Dass das von Ökonomen kommentiert wird, nehmen die Bürger als selbstverständlich hin. So wie nach der Krise von 2008, als man nur über harte, unwiderlegbare Zahlen diskutierte. Die aber sind derzeit in den Hintergrund getreten.

Stattdessen versuchen die Repräsentanten der Wissenschaft, den Betroffenen Kraft und Mut einzuflößen. Einer von ihnen, Marcel Fratzscher, Direktor des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, blickte als erster über den Tellerrand seines Fachs und befasste sich mit politischen und sozialen Konsequenzen der Krise. Er begann mit der Frage, warum Deutschland die Epidemie bisher eher glimpflich überstanden hat und beantwortete sie mit der führenden Rolle des Staates. Vor kurzem noch war sie im neoliberalen Geist abgelehnt worden.

Ökonomen hatten stattdessen gefordert, den Unternehmen die Verantwortung zu überlassen, da sie mehr Sachverstand hätten. Doch nun ist an die Stelle dieses Selbstbewusstseins die Fürsorge getreten. Die Unternehmen, die den Wohlstand nicht mehr garantieren können, rufen nach dem Staat: Er soll die Gesellschaft humaner machen, mehr Wert auf die Gemeinschaft legen und die Schwächsten schützen. Was ist davon zu halten? Steckt mehr dahinter als ein Hilferuf in der Not?

Vielleicht doch, denn Fratzscher betrachtet die Krise auch als Chance, Gesellschaft, Staat und Wirtschaft nach seinen Ideen umzugestalten. Vorschläge dieser Arten waren bislang Domäne von Soziologen, Hartmut Rosas etwa. Er steigt, wie ein Theologe, hinunter in die Tiefen der menschlichen Seele. In der Oktober-Ausgabe der „Herder-Korrespondenz“ schrieb er über den Beitrag des Glaubens zur Erhaltung von Staat und Gesellschaft: „Wie systemrelevant sind die Kirchen?“ Bei ihnen entdeckt er „eine andere Weltbeziehung“ als die bisher dominierende, die „auf die Verfügbarkeit … abzielt“. Das heißt, es wäre besser, nicht auf Ausbeutung von Ressourcen, von Wasser, Land und Rohstoffen fixiert zu sein, sondern auf das Gegenteil, die Bewahrung der Schöpfung.

Diese beschützende Einstellung wird sich nur durchhalten lassen, wenn auch die Menschen in ähnlicher Weise miteinander umgehen. Das heißt für den Fall der Pandemie, dass sie nicht nur alle vom Staat geforderten Maßnahmen beachten, sondern, soweit möglich, über sie hinausgehen. Wie kann das gelingen? Denkbar wäre, die Infektionen nicht als Einzelfälle zu betrachten, sondern als kollektive Erkrankung, die jeder bekämpfen muss, soweit seine Möglichkeiten reichen, auch wenn sie sein Leben unangenehm machen: Abstand halten, Hygiene genau nehmen, die Maske tragen auch dann, wenn sie nicht vorgeschrieben ist und neuerdings auch so häufig lüften, wie es sich ertragen lässt.

Die trotz ihres Rückgangs immer noch bedeutendsten Organisationen sind die Religionen: die christlichen Kirchen und ihre jüdischen und muslimischen Schwestergemeinden. In der Zeit von Corona das Leben zu achten, ist unverzichtbar, und es ist zugleich eine Probe für den Kampf gegen die drohende Umweltkatastrophe.

Helmut Mehrer, Brühl

Mediziner fordern das Ende der Corona-Maßnahmen. Nach den täglichen Verlautbarungen einer überforderten Regierung, die in ihren Stellungnahmen Panikmache und Durchhalte-Parolen mischt, ist es tröstlich, die von drei Professoren aus Oxford, Harvard und Stanford verfasste „Great Barrington Declaration“ vom 4. Oktober zu lesen, die inzwischen von über 120 000 Medizinern in der ganzen Welt unterschrieben wurde. Gefordert wird in dieser Erklärung, dass alle Nicht-Schutzbedürftigen ab sofort ein normales Leben wieder führen sollen. Schulen und Universitäten sollen für den Präsenzunterricht geöffnet werden. Erwachsene mit geringem Risiko sollen normal und nicht von zu Hause aus arbeiten. Kunst, Musik, Sport und alle anderen kulturellen Aktivitäten sollen erneut aufgenommen werden. Restaurants und Geschäfte sollen ohne Einschränkungen öffnen.

Menschen, die stärker gefährdet sind, können teilnehmen, sofern sie dies selbst wünschen. Besorgt sind die Unterzeichner der Deklaration wegen der schädlichen Auswirkungen der vorherrschenden Covid-19-Maßnahmen auf die physische und psychische Gesundheit aller westlichen Gesellschaften. Sie befürchten irreparable Schäden, von denen besonders die unteren Schichten betroffen sein werden. Strategisch empfehlen die Unterzeichner, Risiko und Nutzen des Erreichens einer Herdenimmunität gegeneinander abzuwägen.

Denjenigen, die ein minimales Sterberisiko haben, sollte, wie in den Forderungen formuliert, ein normales Leben ermöglicht werden. Durch die natürliche und unvermeidbare Infektion können sie eine Immunität gegen das Virus aufbauen, die langfristig sowieso den einzigen Schutz darstellt. Umgekehrt müssen diejenigen, die am stärksten gefährdet sind, viel besser als bisher geschützt werden. Die Hoffnung, dass über diese Erklärung in Deutschland rational diskutiert wird, ist gering. Doch bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt. 

Günter Zimmermann, Mannheim

Zu Recht werden Personengruppen, die im Gesundheitswesen, Schulen, Altersheimen und so weiter arbeiten, durch Tests geschützt, die die Arbeitgeber zahlen. Wie ist es aber mit Verkäuferinnen und Verkäufern in den großen Mannheimer Warenhäusern? Kümmern sich dort die Arbeitgeber um den Schutz ihrer Angestellten, die täglich eine Vielzahl von Kontakten haben, die sie sich nicht aussuchen können, und zudem, bedingt durch die Kurzarbeit, personell noch sehr ausgedünnt ihre Arbeit verrichten müssen, ohne querlüften zu können, wie es für Schulen und so weiter empfohlen wird? 

Klaus Franken, Mannheim

Keine falsche Bewegung im öffentlichen Raum, am besten schnell an allen vorbei eilen – und kein Kontakt, schon gar kein Körperkontakt mit irgendjemandem. Hat da jemand geniest? Bloß weg hier… Wir sind in Zeiten von Corona inzwischen fast hysterisch, meiden andere Menschen und starren auf die tagesaktuellen Corona-Ansteckungszahlen, wie das Kaninchen auf die Schlange.

Was uns vielleicht helfen würde, aus dieser Starre herauszufinden, sind echte Alternativ-Angebote im öffentlichen Raum: Wo können wir uns sicher begegnen und wieder gemeinsame Aktivitäten genießen, gerne auch unter strikter Einhaltung von Abstandsregeln? Welche öffentlichen Plätze könnten als neue, räumlich klar abgegrenzte Begegnungsflächen dienen? Wo können in den nächsten Wochen und Monaten wieder Lesungen, kleine Konzerte, Ausstellungen und so weiter stattfinden? Und wer spricht es mal ehrlich aus, dass auch im Frühjahr unser Alltagsleben nicht einfach wieder wie vor Corona weitergehen wird, sondern unsere Welt sich verändert hat?

Statt reaktiv und defensiv zu handeln, sollten wir unsere Umgebung schnellstens wieder aktiv gestalten, statt den öffentlichen Raum als „Risikogebiet“, so gut es eben geht, zu meiden. Der Staat könnte eine neue Rolle einnehmen, indem er kleinere Formate ermöglicht: Anstatt uns mit dem moralischen Zeigefinger immer mehr einzuschränken, zu verbieten und zu kontrollieren, könnte unsere Regierung psychologisch weitaus klüger handeln: Wir brauchen als soziale Wesen den Kontakt, den Austausch, den Diskurs mit anderen Menschen, wie die Luft zu Atmen.

Körperliche (physische) Distanz ist in Corona-Zeiten sicherlich sinnvoll, aber soziale Distanz schadet uns, sie macht einsam und unzufrieden. Aber wie wollen wir die „neue Normalität“ künftig miteinander ausgestalten? Was bleibt uns weiterhin wichtig, und auf welche „Events“ und „Extra-Touren“ können wir vielleicht verzichten? Welche neuen Begegnungsformen sind möglich? Die echte (nicht nur virtuelle) Begegnung, Blickkontakt und Empathie, Interesse für- und Gespräche miteinander sind wichtige Qualitäten im Zwischenmenschlichen, die wir uns erhalten sollten. Das wünsche ich mir jedenfalls – denn das hält unsere Gesellschaft lebendig, dient dem konstruktiven Austausch miteinander und ermöglicht auch gemeinsame Lösungen für die Herausforderungen unserer Zeit.

Petra Heinemann, Ilvesheim