Leserbrief

Das schreiben Leser dieser Zeitung zur Corona-Krise

Zum Thema Corona:

Samstagvormittag im Gartencenter! Da ich berufstätig bin und nicht in den Genuss vom Homeoffice komme, möchte ich ein paar Besorgungen machen. Was sehe ich? Um mich herum betagte bis hochbetagte Paare, die gemütlich durch die Auslagen schlendern. Einige mit selbstgebasteltem Mundschutz oder Stofflappen vorm Gesicht – die meisten ohne.

Und ich frage mich: Wozu schließen wir das halbe Land, bringen Unternehmen in Existenznot, sperren öffentliche Grünanlagen, wenn ausgerechnet jene, die man zur Hochrisikogruppe zählt, es sich nicht nehmen lassen, ausgerechnet auch noch samstags die Läden zu fluten, um Dinge zu kaufen, die nun wirklich nicht zum Lebensnotwendigen gehören. Für mich ist so ein Verhalten absolut nicht nachvollziehbar. Ich denke, es ist an der Zeit, über Ausgangssperren für Risikogruppen nachzudenken, bevor man das ganze Land weiterhin lahmlegt.

Alice Fischer, Birkenau

Eine seltsame Katastrophe bedroht die Europäer: still, ohne Aufsehen, im Sonnenschein und den ersten verblühenden Frühlingsboten. Frankreich nennt sie einen medizinischen Tsunami. Seit Corona die Welt in seinen Klauen hat, beschäftigen sich Zeitungen und Fernsehen mit keinem Thema mehr als mit diesem Virus. Allabendlich strahlen ARD und ZDF Sondersendungen aus und lange Debatten bis in späte Nachtstunden. Das freilich gäbe es nicht ohne hohe „Quoten“, ohne unsere Betroffenheit.

In einer Mischung aus Angst, Mitgefühl und – geben wir es zu: Sensationslust – verfolgen wir Berichte aus überfüllten Krankenhäusern und Altenheimen, mit Ärzten und Pflegern „am Anschlag“ und fehlender Schutzkleidung. Dabei lassen wir uns gerne bestätigen, dass wir bisher glimpflich davongekommen sind. Zwar haben hunderttausende Unternehmen ihren Betrieb eingestellt und Millionen Beschäftigte heimgeschickt – aber nur in Kurzarbeit und nicht entlassen wie in den USA.

Erinnert an Wettervorhersagen

Zur weit verbreiteten Zufriedenheit trägt auch bei, dass wir – erst? – wenig Infizierte zu registrieren haben. Bei den Toten liegen wir gar nur im Hundertstelbereich eines Promilles. Bezogen auf ihre Bevölkerungszahl beklagen Frankreich, Spanien und Italien zehn bis 20 Mal mehr Opfer. Darüber sprechen wir nicht, es hilft uns aber, unsere anfangs erkennbaren, egoistisch-abwehrenden Reflexe zu überwinden.

Wir sind froh, dass wir unseren Nachbarn helfen dürfen und nehmen inzwischen gelassen Schwerkranke auf, wie wir auch mit den härter Getroffenen bereitwillig Masken und Schutzkleidung teilen. Zu unserer inneren Ruhe tragen auch unsere Regierenden bei. Anstatt abzuwiegeln, warnen sie seit Beginn der Pandemie, das Schlimmste werde noch kommen, obwohl die Spannen der Verdoppelung bei den Infektionszahlen ständig länger werden.

Das erinnert an Wettervorhersagen. Seit einigen Jahren neigen deutsche Meteorologen, eher zu viel als zu wenig Warndreiecke auf ihre Karten zu setzen. Man würde das eine vorsichtige, ängstliche, „konservative“ Sichtweise nennen, getragen vom Wunsch, keine falschen Hoffnungen zu wecken. Dies entspricht auch der weithin identischen Meinung der Wissenschaftler, der Virologen und Epidemiologen etwa. Sie bekennen sich selbst zu ihrem eigenen Nichtwissen, fahren „auf Sicht“ wie vorsichtige Autofahrer im Nebel und haben auf diese Weise sich die Zustimmung der Bürger erarbeitet und erhalten.

Wenn sich dieses Vertrauen vom Gesundheitssektor auf die Klimaforschung übertragen würde, wäre das nur zu begrüßen. Es käme dem Kampf um die Erhaltung des menschlichen Lebens auf der Erde zugute.

Helmut Mehrer, Brühl

Es ist jedem vollkommen klar, dass Eltern die Schule und Lehrer nicht ersetzen können. Es ist außerdem verständlich, dass der Schulausfall für Eltern extrem belastend ist. Man sollte jedoch auch einige andere, wesentliche Aspekt berücksichtigen. In keinem Geschäft, in keinem Restaurant, in keinem Büro sitzen Menschen so eng zusammen, wie in einer Klasse. Es ist allgemein bekannt, dass Kinder und Jugendliche bei einer Corona-Erkrankung keine oder nur sehr geringe Symptome zeigen.

Es ist meines Erachtens schwierig, wenn nicht unmöglich, Kindern und Jugendlichen die Notwendigkeit einer permanenten körperlichen Distanz zu vermitteln. Aus diesen drei Aspekten ergibt sich der logische Schluss, dass Schüler in der gegebenen Situation leicht zu „Multi-Spreadern“ werden können. Sie würden damit über ihre weiteren Kontakte erheblich zur weiteren unkontrollierten Verbreitung des Virus beitragen. Der gesundheitliche Schaden für die Bevölkerung und der daraus resultierende Schaden für unsere Wirtschaft wären möglicherweise erheblich.

Es ist nun abzuwägen zwischen einem länger andauernden Schulausfall und den zu erwartenden Schäden für unsere Bevölkerung und unsere Wirtschaft. Die Entscheidung wird mit Sicherheit nicht einfach sein.

Wolfgang Weber, Mannheim

Wer mit dem Zug Mannheim erreicht, glaubt in ein Oberzentrum des Anarchismus geraten zu sein. Dass es schwer ist, sich in engen Durchgängen seinen Weg zwischen Rollkoffern und Großfamilien zu bahnen, kennt man von anderswo. Doch dass auf dem Vorplatz lückenlos Dutzende von Fahrrädern am Geländer angeschlossen stehen, direkt neben den Schildern, die dies verbieten, spricht offenbar für Mannheimer Renitenz.

Um so erstaunlicher, dass die Corona-Regel der sozialen Distanzierung weitgehend problemlos akzeptiert und durchgesetzt wurde („MM“ 30. März). Es ist ein Zeichen zivilgesellschaftlicher Reife, dass in Notzeiten eine kompetente Regierung geschätzt und nicht nur durch ständige Kritik entwertet wird. Zur Reife gehört zudem, dass Regeln, die einsichtig begründet sind, auch gutwillig befolgt werden, selbst wenn sie tief in die Privatsphäre einschneiden. Sie sind, nach Hegel, keine Einschränkung der allgemeinen Freiheit, sondern nur ein Verlust privater Willkür („MM“ 2. April).

Andere Prioritäten setzen

Allerdings sind auch im liberalen Staat Sanktionen und Kontrollen für die Durchsetzung gültiger Regeln unverzichtbar, sonst drohen Zustände wie am Bahnhofsvorplatz. Dem „MM“ sei gedankt, dass er die positiven Seiten der Corona-Krise, die verstärkte Rücksicht auf Ältere und Schwächere, die Selbstdisziplin der Bürger und die überraschend große Solidarität in Zeiten der Individualisierung so ausführlich zu Wort kommen lässt. Solidarität sollte vor allem auch den prekär lebenden Jüngeren und Älteren zugutekommen. Es ist eine herbe Zumutung für diejenigen, die sich schon zu normalen Zeiten mit einem ausreichenden Auskommen schwer tun, in der Krise die Arbeitsmöglichkeiten zu verlieren.

Doch dass Konsumterror und Wachstumswahn so plötzlich unterbrochen wurden und die Innenstadt zur Ruhe kommt, hat auch den erfreulichen Effekt, dass das Übergewicht des Ökonomischen gebrochen wird und plötzlich Zeit ist, sich bewusstzumachen, was überflüssig, was wünschenswert und was unbedingt wichtig ist. Jetzt wäre Gelegenheit, andere Prioritäten in der Wirtschafts- und Sozialpolitik zu setzen. Schließlich lernen wir aus Krisen, wie Eike Wenzel („MM“ 30. März) zurecht feststellt.

Roland Hammerstein, Mannheim

In Ihrer Ausgabe vom 4. April haben Sie ein Diagramm mit den Corona-Fällen in der Region veröffentlicht. Gemäß Ihren Informationen zu diesem Diagramm zeigen die Kurven den Verlauf der Summe aller gemeldeten Personen, bei denen eine Infektion mit dem Virus diagnostiziert wurde, sowie die Summe aller als wieder genesen gemeldeten Personen. Warum jedoch zeigen Sie nicht auch den Verlauf der tatsächlich infizierten Personen? Diese Kurve bildet sich aus der Differenz aller Infektionen minus der genesenen Personen; in Ihrem Diagramm also die Differenz zwischen der blauen und der grünen Kurve. Wäre diese Kurve nicht wesentlich informativer hinsichtlich der Einschätzung, wie sich das Virus ausbreitet und welche Belastungen womöglich auf unsere Krankenhäuser zukommen? Als Beispiel hierfür die Zahlen aus meiner Gemeinde, Edingen-Neckarhausen, und meine spontanen Reaktionen darauf, als ich diese gelesen habe: gemeldete Infektionen insgesamt: 18 Personen (ohjeh, so viele?). Davon als gesund gemeldet: neun Personen (das ist gut) und somit haben wir aktuell ja „nur“ neun erkrankte Personen.

Weiterhin wäre ein Hinweis sehr interessant, warum Zahlen zu den Genesenen in Ludwigshafen, Speyer und so weiter immer noch nicht vorliegen. Wo liegt hier das Problem? Aufgrund dieser fehlenden Zahlen hat nun Ihr Diagramm aber wohl noch weniger Informationsgehalt und Aussagekraft. Denn einerseits zeigen Sie den Verlauf der Summe aller Infektionen, andererseits fehlen aber bei den Genesen sicherlich einige Personen. Auch solche Informationen sollten Sie eigentlich Ihren Lesern zukommen lassen.

Steffen Gruber, Edingen-Neckarhausen

Die Corona-Krise ist schlimm genug. Jetzt schreibt auch noch eine Frau Marinic fast täglich ein Corona-Tagebuch im „MM“. Auch noch ehrenamtlich. Das hätte nicht sein müssen. Weil jeder Leserbrief ist ehrenamtlich. Aber noch viel schlimmer ist, dass der „MM“ das auch noch veröffentlicht. Frau Marinic, Sie langweilen die Leserschaft mit Ansichten, die noch nicht einmal Aussichten sind.

Klaus Anacker, Mannheim