Leserbrief

Das schreiben Leser zum 75. Jahrestag des Kriegsendes

Zum Thema Kriegsende:

Wenn man in den Nachkriegsjahren vom Ende des Krieges sprach und somit auch vom Ende der Nazi-Diktatur, benutzte man fast nur das Wort „Zusammenbruch“, als wollte man damit ausdrücken: Nun, wir haben leider Pech gehabt und den Krieg verloren. Es hätte ja auch anders kommen können, und das deutsche Volk wäre siegreich gewesen und zur führenden Nation in Europa oder in der Welt geworden.

Die demagogische Nazi-Propaganda eines Joseph Goebbels muss in den Köpfen der meisten Erwachsenen doch sehr viel bewirkt haben, denn man bedauerte indirekt mit diesem Begriff „Zusammenbruch“ den selbst verschuldeten Krieg verloren, nicht aber von der Nazidiktatur befreit worden zu sein. Immer wieder regte sich in den 1950er Jahren in West-Berlin die Generation meiner Eltern darüber auf, dass im sowjetisch besetzten Ostsektor am 8. Mai der „Tag der Befreiung“ gefeiert wurde. „Von was sind wir denn befreit worden? Von unserem Wohlstand, unserem Besitz, unseren Wohnungen und von unseren Angehörigen, die Opfer des Krieges wurden. Wir wurden nicht befreit! Wir wurden von unseren Feinden besetzt und gedemütigt!“

Das war die immer wieder zu hörende Kritik am Wort „Befreiung“. Nur die wenigsten erwachsenen Deutschen machten sich damals offenbar Gedanken darüber, welche Schreckensherrschaft im größten Teil Europas nach einem deutschen Sieg geherrscht hätte. Glücklicherweise hat sich inzwischen in Deutschland – auch durch den zeitlichen Abstand – die Sicht auf das Ende des Zweiten Weltkriegs völlig verändert. Wir wissen und können heute ohne Einschränkung sagen: „Ja, der 8. Mai 1945 war für uns der Tag der Befreiung!“ Eginhard Teichmann, Mannheim

„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“ Mit diesem prägnanten Satz warnte Bertold Brecht in seinem Theaterstück „Der aufhaltsame Aufstieg des Aturo Ui“ vor faschistischen Nachfolgern. Er ist heute aktueller denn je. Wehret den Anfängen. Daher ist es nur folgerichtig, dass eine der letzten KZ-Überlebenden von Auschwitz, Esther Bejarano, fordert, den 8. Mai zum Gedenk-/Feiertag zu machen. Denn solche Verbrechen gegen die Menschlichkeit dürfen sich nicht wiederholen. Und was macht das Gros unsere Politiker? Es lehnt solch einen Tag ab. Warum eigentlich, was hindert sie? Stehen sie nicht hinter dem, was sie immer wieder beschwören: Nie wieder Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Krieg, Faschismus und so weiter … Sind das alles nur Lippenbekenntnisse?

Worten Taten folgen lassen

Wie kann, soll, darf oder muss man Aussagen von Politikern, wie sie zur Gedenkfeier am 8. Mai 2020 in Berlin in der Gedenkstätte Neue Wache fielen, bewerten? Ein Auszug hieraus: „Die Erinnerung an den Krieg und seine Schrecken müssen für alle Zeit wachgehalten werden“ oder wie der Bundespräsident sagte und mahnte: „Damals wurden wir befreit. Heute müssen wir uns selbst befreien (und meinte damit den neuen Nationalismus, Hass, Hetze und Fremdenfeindlichkeit). Die deutsche Geschichte ist eine gebrochene Geschichte. Dazu gehören Verantwortung für millionenfachen Mord und millionenfaches Leid.“

Jetzt wäre es doch an der Zeit, Worten Taten folgen zu lassen. Oder hindern etwa wirtschaftliche Interessen diese ablehnende Haltung? Dies wäre auf Dauer gesehen fatal. Wenn man bedenkt (und das soll in keinster Weise eine Ab- oder Bewertung sein), wie viele kirchliche Feiertage es gibt, die man zum Teil nur deswegen kennt, weil sie arbeitsfrei sind, wäre es doch gerade zwingend notwendig und ein menschliches Gebot, endlich einen Gedenktag gegen das Verbrechen, Leid und Vergessen einzurichten.

An dieser Stelle muss auch die Frage gestattet sein, warum lässt man hier nicht die Bevölkerung darüber abstimmen beziehungsweise entscheiden. Ein Volksentscheid wäre hier bestimmt sinnvoll und angebracht. So hätte jeder Bundesbürger die Möglichkeit, seinem Gewissen folgend, abzustimmen. Deshalb muss die jüngst im Bundestag beschlossene Entscheidung, keinen Gedenktag einzurichten, unbedingt korrigiert beziehungsweise revidiert werden. Thomas Proft, Schwetzingen

Die totalitäre DDR-Regierung deklarierte den 8. Mai 1945 als „Tag der Befreiung des deutschen Volkes vom Hitlerfaschismus“ und nutzte ihn regelmäßig als Propagandaritual, zeitweise im Rahmen eines gesetzlichen Feiertags der DDR. Ob es wirklich eine „Befreiung“ war, wurde und wird in der Bundesrepublik Deutschland spätestens seit der Rede des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 im Bundestag in Bonn kontrovers diskutiert. Allerdings ist diese Kontroverse mittlerweile nicht mehr herrschaftsfrei, da die vorherrschende veröffentlichte Meinung und die Regierungspolitik mehr oder weniger subtil vorgibt, dass es keinen Zweifel mehr am Begriff „Befreiung“ im Zusammenhang mit dem 8. Mai 1945 geben darf. Wer dies nicht befolgt, wird im Internet oder den konventionellen Medien rasch und pauschal in die rechte Ecke manövriert, eher noch ins braune Schmuddelmilieu und ist somit erbarmungslos im sozialen „Aus“. Jüngstes Beispiel ist der Fall „Bembel with Care“/Benedikt Kuhn.

So war das nicht!

„Befreiung“ im Zusammenhang mit dem 8. Mai 1945, von den „Guten“ oft mit einem überhöhenden Unterton gebraucht, birgt jedoch eine gewisse Scheinheiligkeit. Es suggeriert einerseits das Bild eines von einer kleinen Naziclique in Geiselhaft genommenen 65-Millionenvolks, das schließlich von edlen und selbstlosen Rittern befreit wurde und sich wieder, wie vor der Geiselhaft, seines Daseins erfreuen konnte: ohne Leid, Elend, Hunger, Tod, Besetzung, Vertreibung, Vergewaltigung, Kriegsgefangenschaft, Ruinen, Zerstückelung des Landes und Verlust großer Gebiete der Heimat.

So war es nicht! Den 8. Mai 1945 erlebten die meisten Deutschen als Tag des Zusammenbruchs. „Alles andere ist eine unzulässige, wenn nicht verlogene Beschönigung.“ Letzteres sagte am 30. Mai 2005 im „Spiegel“ kein geringerer als der des (Neo)Nazitums völlig unverdächtige Marcel Reich-Ranicki; und die Direktive JCS 1067 der „edlen weißen Ritter“, nämlich der US-amerikanischen Joint Chiefs of Staff, formulierte klar und deutlich: „Deutschland wird nicht besetzt zum Zwecke seiner Befreiung, sondern als besiegter Feindstaat.“ So viel zur „Befreiung“.

Vielen im eher links-grünen Spektrum der Politik und Medien reicht es aber nicht, ihren „Tag der Befreiung“ zu begehen, er soll auch „gefeiert“ werden. Dazu lässt sich nur sagen: „Der 8. Mai ist für uns Deutsche kein Tag zum Feiern.“ Ein Pawlow‘scher Reflex im größten Teil des heutigen Politik- und Medienbetriebs würde diesen Satz Björn Höcke zuschreiben und die Trommeln zur Hatz rühren. Jedoch, gesagt wurde der Satz am 8. Mai 1985 von unserem ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker in oben genannter Rede.

Andererseits haben alle diejenigen ein moralisches Recht, den 8. Mai 1945 zu feiern, die tatsächlich Gefangene und Verfolgte der NS-Herrschaft waren sowie ihre Nachfahren und selbstverständlich können auch die Sieger, den 8. Mai 1945 feiern. Dieses Privileg haben sie sich erkämpft. Wir Deutsche in Deutschland hingegen sollten den 8. Mai 1945 alljährlich in Stille und Demut ohne Pomp und Reden und ohne Aufladung mit Themen des Zeitgeistes begehen. Wir sollten darüber nachdenken, wie es zu diesem 8. Mai 1945 kommen konnte und uns unserer Vorfahren, deren Lebenswege und Schicksale vor, an und nach diesem denkwürdigen Tag erinnern. Rüger Schlund, Ludwigshafen