Leserbrief

Das schreiben Leser zum Bericht über die Neckarstadt-West

Zum Artikel „War die Mannheim- Doku zu einseitig?“ vom 9. Juli:

Auch hier ist wieder, wie auch bei einem ähnlichen TV-Bericht aus dem Jahr 2017, die vorwiegend politische Empörung groß. Schon damals wurde von der Neckarstadt-West als „No go Area“ gesprochen. Auch zu dieser Zeit wurde reflexhaft von entsprechend interessierten Kreisen vehement die beschriebene Realität der Dokumentation in Zweifel gezogen und Einseitigkeit unterstellt.

Kurze Zeit später wurden dann damals unter anderem medienwirksam groß inszenierte Polizei-Razzien veranlasst, letztlich hat sich aber sonst nichts Tatsächliches mehr getan. Die politischen Vertreter der Region haben sich meiner Meinung nach auf die immer mal wieder hübsch inszenierten Bilder reiner Symbolpolitik beschränkt. Aber auch gleichzeitig eine Art Widerspruch-Maschinerie und ihr alleiniges Deutungsrecht für diese Themen etabliert.

Diskreditierung der Autoren

Schon damals herrschten schlimme Verhältnisse in der Neckarstadt und es ist seitdem noch schlimmer geworden. Mit nur wenig Recherche in der Medienwelt lassen sich zwischenzeitlich sogar auch fundierte Berichte (Spiegel und so weiter) finden, denen nach zum Beispiel die bulgarische Mafia Mannheim nunmehr als eine ihrer etablierten „Auslands-Filialen“ ansieht!

Mein Dank gilt uneingeschränkt den hauptberuflichen, aber besonders denen dort ehrenamtlich engagierten Mitmenschen. Endlich hatten sie in der „37 Grad“-Sendung eine angemessene Plattform, um komplett unpolitisch die erschreckende Realität offen darzulegen! Schon wenige Sekunden nach Schluss der Reportage war mir aber klar, dass nun wieder die zwischenzeitlich leider üblichen Mechanismen der öffentlichen Diskreditierung der Autoren und das in Abrede stellen routiniert anlaufen wird.

Leider kennt man das schon. Zwischenzeitlich habe ich die Hoffnung verloren, dass dieses und ähnlich gelagerte Themen in Mannheim endlich einmal realitätsbezogen diskutiert werden und einige der politisch maßgeblichen Akteure ihre sehr oft einseitig gefärbte „Brille“ endlich absetzen und in Mannheim agiert anstatt agitiert wird.

Sven Teegers, Mannheim

Ich habe die im Rahmen der ZDF-Serie „37 Grad“ erstellte Folge über die Mannheimer Neckarstadt gesehen. Es war, wie immer wohl beim mehrfach preisgekrönten „37 Grad“, eine sorgfältig hergestellte halbstündige Reportage, die ohne jeden Sensationsjournalismus ein soziales, ein urbanes könnte man auch sagen, Phänomen beleuchtete, und dabei in keinem Fall nur auf Mannheim zielte, um diese Stadt „abzuwatschen“; vergleichbare Situationen gibt es in vielen großen Städten Europas, und das weiß der Zuschauer auch und denkt selbstständig weiter.

Und doch war es einer Reihe Mannheimer Politiker nicht genug. Von „großer Enttäuschung“ spricht Petar Drakul (SPD) und kritisiert sofort die öffentlich-rechtlichen Medien, von denen er mehr „Analyse und Einordnung“ erwartet. Falsch ist sie, diese Medienschelte, denn nicht jede Reportage muss zugleich analysieren, sie darf auch im Stil eines Essays den Fokus auf etwas richten, um Denkanstöße zu geben.

Im Alltag begleitet

Wie Drakul vermisst auch Melis Sekmen (Grüne) den „Fokus auf städtische Erneuerungsmaßnahmen“ – ja, aber, Frau Sekmen, die journalistische Arbeit eines TV-Senders besteht nicht darin, die Arbeit der öffentlichen Hand (gemeint ist wohl im Subtext: unserer Mannheimer Politiker) positiv herauszustellen. Markus Sprengler (ebenfalls Grüne) toppt Sekmen noch, wenn er behauptet, die „gesamte Sendung“ sei „ein Schlag ins Gesicht für die vielen anderen Aktiven im Kiez“ und deshalb von einem „unausgewogenen und tendenziösen Bericht“ spricht. Kritik an den Öffentlich-Rechtlichen mit den Worten „Tendenz“, „tendenziös“ üben sonst eigentlich andere…

Dabei sind in der Sendung drei engagierte Leiter von Institutionen aus der Neckarstadt zu Wort gekommen. Sie schimpfen nicht auf die Stadt Mannheim, sie reden überhaupt gar nicht so viel, denn die Kamera begleitet sie in ihrem Alltag. Zu Wort kommen dabei weitaus mehr (und das ist gut so!) ihre Schützlinge: die obdachlosen Prostituierten der Hilfsorganisation „Amalie“, die bulgarischen Zuwanderer, deren Kinder die Neckarschule besuchen und darüber hinaus von „Aufwind“ unterstützend betreut werden.

Sie leben in Wohnungen auf engstem Raum (und oft zu Wuchermieten), deren Zustand so ist, dass man das Fürchten kriegt, wenn die Kamera elektrische Leistungen und enge Holztreppen zeigt – ja, hätte die Redaktion von „37 Grad“ da einblenden müssen, wie viele dieser Problemimmobilien die Stadt Mannheim nach der Brandkatastrophe von U 5 schon geschlossen hat? Hat sie?

„37 Grad“ zeigt wohl eher das Gegenteil. Das mag wehtun. Aber dazu sind kritische Medien da. Ich kenne noch gut jene Zeiten, als die Neckarstadt West auch noch von Mannheimern von außerhalb des Viertels besucht wurde. Wir kauften als Studierende in der Freibank-Metzgerei ein, wir besuchten auch später noch, längst im Job, italienische, portugiesische und spanische Restaurants (das legendäre „Antonio“ zum Beispiel), wir besorgten den Sonntagskuchen bei Wissenbach. Alles Geschichte.

Dass Stadtgebiete sich wandeln, ist eine Tatsache. Dass solch ein Wandel begleitet werden muss, damit sozial schwache Menschen nicht abgehängt werden, damit die Barrieren, denen sie und ihre Kinder auf dem Weg in ein bisschen Teilhabe stärker abgebaut werden, als es derzeit geschieht, dazu hat die Mannheim-Doku einen Denkanstoß gegeben. Diesem Denkanstoß nur mit einem Aufheulen zu begegnen (Tenor: „Man hat unsere Taten nicht genug gewürdigt!“) wirft kein gutes Licht auf die Mannheimer Politik.

Joachim Wagner, Mannheim

Dieser Film hat klar und deutlich gezeigt, wie es nicht sein kann und nicht sein darf. Es hat alles seinen Anfang, wenn eine Stadtverwaltung dies nicht erkennt, aber vor Ort die Entwicklung mitverfolgt und nicht entsprechend einschreitet beziehungsweise entsprechende Maßnahmen ergreift, braucht man sich nicht zu wundern, wenn das Ergebnis so aussieht. Leider ist es in Deutschland immer noch möglich, ohne Kenntnis der deutschen Sprache, die aber zwingend notwendig ist, um eine entsprechende Arbeitsstelle zu bekommen, hier dauerhaft zu leben. Kein Gesetz schreibt vor, das Zuwanderer die deutsche Sprache lernen müssen.

Wie an dem Beispiel gezeigt wurde, einer Familie aus Bulgarien, er Tagelöhner, sie keine Angabe zur Arbeit mit zwei schulpflichtigen Kindern, die nur gebrochen Deutsch sprechen. Aussage war, unter welchen Bedingungen sie hier leben müssen. Das Geld, das sie nicht durch Arbeit, sondern Sozialleistungen erhalten, wird nach Bulgarien geschickt. Dass die dort lebenden Kinder ein besseres Leben haben.

Das Geld vom Staat wird nicht hier ausgegeben, sondern ins Heimatland geschickt. Hier beschwert man sich lieber über die Lebensbedingungen. Selbst die für die Schule notwendigen Unterlagen werden durch Spenden zu Verfügung gestellt. Logisch ist, dass diese Menschen Hilfe und Unterstützung brauchen, doch sollten sie Ihren Teil dazu beitragen. Hier muss dann der Staat die Gesetze erlassen, die dann auch einzufordern sind. Anscheinend hat der Staat versagt, diese eigentlich einfachen Dinge zu regeln.

Erwin Feininger, Mannheim

Als gebürtige Mannheimerin, die inzwischen seit drei Jahren in Halle (Saale) studiert, habe ich mit großem Interesse den ZDF-Bericht „Zwei Quadratkilometer Stress – Hilfe für einen Stadtteil“ angeschaut und bin nun ziemlich über die Reaktionen der Stadt Mannheim überrascht. Ich kann es durchaus verstehen, wenn angeprangert wird, dass im Bericht ausschließlich negative Seiten der Neckarstadt-West gezeigt werden. Ich finde, es muss jedoch berücksichtigt werden, dass der Bericht genau darauf zielt.

Auch die Enttäuschung anderer Ehrenamtlicher, die nicht genannt wurden und sich dort engagieren, kann ich nachvollziehen. Was ich jedoch äußerst erschreckend finde, sind die Reaktionen von Petar Drakul und dem Grünen-Stadtrat Markus Sprengler. Meiner Meinung nach zeugt die Aussage von Herrn Drakul, „die These des vergessenen Stadtteils sei absurd“, von einer hohen Ignoranz.

Ich bezweifle nicht, dass die Stadt ihrerseits Maßnahmen ergriffen hat, um die Zustände vor Ort zu ändern. Dass sich Erfolge auch nicht von heute auf morgen zeigen, sollte auch bewusst sein. Allerdings muss man ehrlicherweise sagen, dass die Maßnahmen zu spät ergriffen wurden und es deshalb nicht verwunderlich ist, was in der Neckarstadt-West für Zustände herrschen. Es ist schockierend, wenn Familien in baufälligen Häusern ohne Sanitäranlagen und ohne Strom auskommen müssen. Und es ist schockierend, wenn diese Familien Angst haben, ihre Kinder alleine auf die Straße zu lassen. Die Aussage von Herrn Drakul ist den Familien gegenüber, die unter diesen menschenunwürdigen Bedingungen leben müssen, schlichtweg eine Frechheit.

Auch die Aussage von Herrn Sprengler, der Bericht sei „unausgewogen und tendenziös“, finde ich sehr verwunderlich. Ich kann nicht nachvollziehen, wie ein Stadtrat es als tendenziös empfinden kann, wenn in einer Reportage auf fürchterliche Missstände in der eigenen Stadt hingewiesen wird. Man hätte sich über diesen Bericht freuen können, da er das bewundernswerte Engagement der Protagonisten beleuchtet und zeigt, wie diese Menschen etwas ändern wollen, was meiner Meinung nach großen Respekt verdient. Es ist aber nicht möglich, die Zustände in der Neckarstadt-West zu ignorieren. Lieber Herr Drakul und lieber Herr Sprengler: Probleme, die Sie nicht sehen wollen, sind trotzdem real und präsent. Das müssen Sie sich merken.

Melina Bayer, Halle

Im Elternhaus meines Vaters in der Gärtnerstraße, Baujahr 1899, wohnen ein armenischer Arzt, eine Künstlerin und ein promovierter Rechtsreferendar, eine Dreier-Studenten WG, eine Studentin, die auch bei einem Start up arbeitet und seit 45 Jahren ein älterer Herr. Sie bilden eine gute Hausgemeinschaft und alle schätzen die Vorzüge, die der Stadtteil durchaus zu bieten hat. Die Künstlerin hat den Hinterhof, bisher eher ein Schandfleck, zu einer idyllischen Oase gemacht. Als ich kürzlich vor Ort war und die Batterie meines Pkw ihren Dienst versagte, bot mir ein Gastwirt sofort Hilfe an. Ich bin der Meinung, dass man die positiven Seiten und die erkennbare Entwicklung des Viertels nicht unter den Tisch fallen lassen darf.

Helmut Wirth, Dossenheim

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