Leserbrief

Das schreiben Leser zum Debattenbeitrag über den Sinn der Arbeit

Zum Debattenbeitrag „Warum arbeiten wir überhaupt, Herr Rosswog?“ vom 12. Oktober:

Herr Rosswog bringt zur rechten Zeit ein zwar altes, aber heute wichtigeres Thema denn je aufs Tapet: „Warum arbeiten wir überhaupt?“ Wir müssen uns dringendst über andere Formen des Zusammenlebens Gedanken machen und wieder Visionen entwickeln. Ein Festhalten am „Arbeitsfetisch“, der in der Vergangenheit nicht nur Arbeitshäuser hervorbrachte, sondern den Nazis mit dem in vielen Köpfen verankerten Argument „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ das Alibi lieferte, sogenannte „Ballastexistenzen, nutzlose Esser“ (Behinderte, Kranke, Alte) zu töten, ist obsolet geworden.

Die Pseudoreligion des permanenten Wirtschaftswachstums mit seinem „immer schneller, immer mehr“ bedroht zunehmend das friedliche Zusammenleben der Menschen und die Umwelt: Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Massen. Die Wirtschaft brauchte Millionen gesunder Arbeitskräfte, die Armeen benötigten Millionen gesunder Soldaten. Doch das Zeitalter der Massen neigt sich seinem Ende zu. An die Stelle menschlicher Arbeitskräfte und Soldaten werden mehr und mehr Algorithmen treten, das heißt, die Menschen werden ihren wirtschaftlichen Nutzen zunehmend verlieren.

Im Jahr 2013 veröffentlichen zwei Forscher aus Oxford, Frey und Osborne, eine Studie mit dem Titel „The Future of Employment“, in der sie für verschiedene Berufe analysierten, mit welcher Wahrscheinlichkeit diese in den nächsten 20 Jahren von Computeralgorithmen übernommen werden. Nach dieser Studie werden in den USA 27 Prozent der Arbeitsplätze hochgradig gefährdet sein. So besteht danach beispielsweise eine 97-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass Kassiererinnen bis 2033 ihre Arbeit verlieren werden, Anwaltsgehilfinnen zu 94 Prozent, Busfahrer und Bauarbeiter zu 89 beziehungsweise 88 Prozent.

Im 21. Jahrhundert könnten wir also Zeugen werden, wie eine neue „Nichtarbeiterklasse“ entsteht, massenhaft Menschen, die nicht nur beschäftigungslos, sondern nicht mehr beschäftigbar sein werden. Was ein solches Szenario für den sozialen Frieden und Zusammenhalt einer Gesellschaft bedeutet, muss nicht näher erläutert werden. Wir müssen uns daher entscheiden, worauf wir unsere Energien und unseren Erfindergeist im Interesse für eine gesunde und harmonische Welt richten.

Wollen wir festhalten am Fetisch Wachstum, dessen Credo des „immer schneller, immer mehr“ alles gering schätzt, was das Wachstum behindern könnte, etwa der Erhalt sozialer Gleichheit und die Sicherung des ökologischen Gleichgewichts?

Oder wollen wir neue Formen der Arbeit, der Produktion und Verteilung entwickeln und die Produktionsverhältnisse nach unseren Bedürfnissen und Fähigkeiten organisieren? „Je mehr wir leisten, je mehr wir produzieren, desto schneller zerstören wir unsere Umwelt und schaffen mehr Arbeitslose“, und weiter „...wenn wir weniger arbeiten, werden immer Menschen sich um die allgemeinen Angelegenheiten kümmern“, schrieb E. A. Rauter in seinem Buch „Wofür arbeiten wir eigentlich?“ schon 1988.

Karl Klemm, Lampertheim

Arbeiten war schon immer ambivalent eingeschätzt worden, vor allem von denen, die es als unwürdig erachteten. In der Antike, dem alten Griechenland, und auch Rom, waren dies in erster Linie Politiker und Philosophen, die sich der sinnvollen Leistung versprachen, aber, wie es bereits damals zum Ausdruck kam, nicht schuften wollten.

Aristoteles war es, der Lohnarbeit gar ablehnte und von einer banausischen Arbeit sprach. Übersetzt hieße das: Ich bin der Denker, der in Ruhe und Muße lebt, die anderen werden es schon richten! Ich bin ein freier Mensch, nur der unfreie schuftet… Doch damals wie heute wollten – wollen alle: essenzielle Bedürfnisse stillen, und manche Extras.

Über Jahrtausende der Evolution, ja bis in die Jetztzeit, wurden Menschen sicher nicht immer menschenwürdig behandelt, ja oft gezwungen, Frondienste und hohe Arbeitseinsätze zu verrichten. Doch in den letzten etwa 150 Jahren wandelte sich diese Arbeitswelt deutlich; mehr Freizeit, mehr monetäre Mittel = besseres Leben. Die Gleichung: Weniger Arbeit = mehr Geld = bessere Lebensqualität. Durch die digitale Revolution und der in den Startlöchern stehenden KI, wurden – werden – überdies „Schwerstarbeiten“ von innovativen Techniken übernommen; für uns Menschen eine wesentliche Entlastung.

Doch kein Vorteil ohne Nachteil: Diese digitalisierte Welt birgt auch Gefahren. Gefahren, die den Homo sapiens – auch ohne angebliche kapitalistischen Zwänge – (in der Debatte wird es zum Schlüsselgedanken stilisiert) in das permanente Online treibt. Ergebnis: Verschwendung nützlicher Zeit.

Es ist unbestritten, dass ein Großteil der Menschheit ein gutes Leben führen kann, von einer Fülle sollte im internationalen Vergleich jedoch nicht gesprochen werden. Vor allem die heutigen jungen Menschen in den Industrienationen erlebten nie Mangelerscheinungen, können sich deshalb keinesfalls vorstellen, was es bedeutet. Insofern kommen wir zum Jammern auf hohem Niveau, was uns Sinnentstellung propagiert und in der Folge zu Aussteigern metamorphosiert?

Dass Mangel bloß ein kapitalistisches Konstrukt sei, ist eine Mär. Tun die Menschen Sinnstiftendes, wenn sie sich mehr und mehr im „Netz“ verbarrikadieren? Mitnichten! Kostbare Lebenszeit wird häufig vertan und führt zu Stresssituationen, die es in dieser Form bislang nie gab. Für reale Sinnstiftung bleibt da wenig Zeit! Am Ende liegt es in uns selbst begründet, wie wir mit unserer Zeit wuchern. Dafür können wir andere – auch keine Systeme – per se verantwortlich machen.

Das Empfinden von Stress, von Sinnstiftung ist individuell; es wird sich nicht ändern. Bei allem: Was würden Menschen tun, wenn sie noch mehr Freizeit und keine oder bloß wenig monetären Mittel verfügbar hätten? Richtig, der Dysstress würde einsetzen, weil plötzlich der Kampf zum Überleben die Folge wäre.

Karl-Heinz Schmehr, Lampertheim

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2OTjuHB

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