Leserbrief

Das schreiben Leser zum Frust in der Corona-Krise

Zum Kommentar „Auf ins Abenteuerland“ vom 25. Mai und dem Thema Corona:

Der Kommentar von Simone Jakob zu den abgesagten Ferien-Freizeiten hat mich so verärgert und mir so den Tag verdorben, dass ich meinen Unmut auf diesem Wege kundtun möchte. Erst einmal inhaltlich: Ich bin voll berufstätig und habe zwei Kinder im Alter von neun und zwölf Jahren. Seit mehr als zwei Monaten jongliere ich mich durch einen täglich mehr an den nervenzehrenden Alltag aus Homeoffice, Präsenzarbeit, Homeschooling, Haushalt, Freizeitgestaltung für die Kinder und so weiter. Es ist mega-anstrengend, und wenn ich keinen so netten und verständnisvollen Arbeitgeber hätte, dann wäre es gar nicht möglich.

Man muss sich das leisten können

Mein Jahresurlaub ist so gut wie aufgebraucht, in den Sommerferien kann ich nur noch zwei Wochen nehmen. Unter diesen Vorzeichen sind die abgesagten Feriencamps und Freizeiten weitere Hiobsbotschaften. Es ist als Berufstätige ohnehin schon schwer genug, die vielen Ferienzeiten zu überbrücken – jetzt ist es unmöglich geworden.

Auch die Großeltern, eine weitere Stütze in den Ferien, fallen corona-bedingt aus. Das alles ist schlimm, aber ich verstehe den Hintergrund, ich beklage mich nicht und gehe deswegen auch nicht mit irgendwelchen Verschwörungstheoretikern auf eine Demo. Aber was ich im Moment wirklich gar nicht gebrauchen kann, ist, dass mir irgendjemand versucht zu erzählen, dass ich den ganzen Mist auch noch toll finden soll. Frau Jakob schreibt: „Kinder und Eltern bekommen gemeinsame Zeit geschenkt“. So ein Blödsinn! Wir bekommen nichts geschenkt, wir bekommen ständig etwas weggenommen. Ohne Kompensation, ohne Entschuldigung, einfach so.

Und die „altmodische Entschleunigung“, von der Ihre Autorin schwärmt, die muss man sich auch leisten können. Wenn Frau Jakob das kann: Glückwunsch. Aber für viele Familien ist das eben nicht möglich. Weil nämlich nicht genügend Urlaubstage zur Verfügung stehen. Und die Nerven blankliegen. Und wissen Sie was? Meine Kinder haben auch keine Lust mehr, in den Wald zu gehen und über Wiesen zu streifen. Das machen wir nämlich schon seit fast zehn Wochen.

Meine Kinder wollen mal etwas anderes sehen. Ihre Freunde zum Beispiel. Die sind auch in Bullerbü essenziell wichtig für den Spaß – schon vergessen? Und ich habe auch keine Lust mehr – denn wer packt denn die „gut gefüllten Picknick-Rucksäcke“? Dreimal dürfen Sie raten! Ich bin es einfach leid, ständig gesagt zu bekommen, dass ich die Krise als Chance begreifen soll. Sie ist keine Chance, sie ist einfach Sch…

Was ich mich frage, ist, warum Sie so einen Kommentar auf die erste Seite heben. Entweder Sie sind sehr weit weg von den Lebenswelten Ihrer Leser. Das wäre schade. Oder Sie sind wenig sensibel. Das wäre traurig. Oder Sie wollen nur Klicks und Reaktionen generieren. Das wäre zynisch. Wie auch immer: Die kitschigen Abenteuerland-Fantasien Ihrer Autorin fand und finde ich angesichts der aktuellen Situation abgehoben und unangebracht. (von Natalie Akbari, Mannheim)

Langsam frustriert mich die einseitige Berichterstattung des „Mannheimer Morgen“, gepaart mit immer neuen Durchhalteparolen und die Schuldzuweisungen bei der Frage der Akzeptanz an die Befürworter von Lockerungen. Nein, es sind nicht die Lockerungen, die die Akzeptanz schmälern, es ist der ständige Paradigmenwechsel und das Fehlen eines gemeinsamen Ziels für einen Ausstieg aus dem Szenario in einer zeitlich absehbaren Zukunft.

Zuerst hieß es: Shutdown bis nach Ostern, damit Risikogruppen geschützt werden können und damit das Gesundheitswesen nicht überlastet wird. Ein vernünftiges, akzeptables Ziel innerhalb eines überschaubaren Zeitrahmens. Dann ging es aber schon los. Der Zeitrahmen wurde immer weiter ausgedehnt. Keine Diskussion darüber, welchen Umgang mit dem Virus man fahren will. Austrocknen durch Abschottung? Kann das überhaupt gelingen? Oder doch Erkrankungen in einem kontrollierten Maß zur Herstellung einer Immunisierung zulassen?

Aber wie lange wird das dauern? Ein Jahr? Zwei Jahre? Drei Jahre? Bis ein Medikament oder ein Impfstoff gefunden ist? Was, wenn das Virus mutiert? Was, wenn ein neues Virus auftaucht? Dazu gibt es keinen tragfähigen Zeitplan, keine konsensfähige Strategie, kein Ausstiegsszenario, das den zu Einschränkung bereiten Menschen eine Perspektive bietet. Nur ein Einschwören auf eine „neue Normalität“, was übrigens mein Vorschlag für das Unwort des Jahres 2020 wäre.

Ich persönlich, und jeder kann anderer Meinung sein und es anders halten, will nicht in einer neuen Normalität von sozialem Abstand, Dauermaskerade, Videokonferenzen statt realen Treffen, Tonkonserven statt Live-Auftritten, Sport auf dem Hometrainer, Schule vorm Computer zu Hause, und Kultur aus der Konserve oder nur noch vorm Fernseher, um nur einige Beispiele zu nennen, leben. Diese sogenannte neue Normalität entspricht nicht dem Bedürfnis der Menschen als soziale Wesen, die einen realen Kontakt und Austausch und nicht eine auf Abstand und virtuelle Realität basierende Scheinwelt brauchen.

Mit jedem Schritt im Haus und mit jedem Schritt aus dem Haus gehe ich ein Risiko ein, nämlich das Risiko, mich und andere Menschen zu gefährden, auch wenn das selbstverständlich nicht in meiner Absicht liegt. Ich vertraue mich bei der Nutzung des ÖPNV und des Flugzeuges anderen Menschen an und kann dennoch zu Schaden oder sogar ums Leben kommen. Ich vertraue der Diagnose eines Arztes, und diese kann falsch sein. Ich betreibe gesundheitliche Vorsorge und kann dennoch plötzlich erkranken oder sterben.

All das bin ich bereit zu akzeptieren. Aber ich will nicht auf Dauer in einem Raumanzug einer Pseudoblase von Sicherheit leben, die wie alle Blasen dieser Welt so leicht und unvermittelt platzen kann. Ob ich keine Angst vor Corona habe? Doch! Aber dieser Angst will ich nicht alles andere unterordnen, und das hat mit den viel beschworenen und so herzlich kritisierten „Lockerungsorgien“ nichts im Geringsten zu tun. Ich will eine Perspektive und keine neue Normalität. (von Rolf Menz, Wilhelmsfeld)