Leserbrief

Das schreiben Leser zum Thema Organspende

Zum Artikel „Organspende nur mit Zustimmung“ vom 17. Januar:

Das Dilemma pro und contra Organspende ist auf sachlicher Ebene nicht (mehr) zu lösen. Grund hierfür ist die irreversible Zerstörung des Vertrauens großer Teile der Bevölkerung in ein System, die mich bereits vor vielen Jahren dazu bewogen hat, meinen Organspendeausweis in viele kleine Schnipsel zu zerreißen und zu verbrennen.

Seit Jahrzehnten werden Politik und Medien nicht müde, der Bevölkerung die Grundpfeiler unseres Wirtschaftssystems, das Gesetz von Angebot und Nachfrage und das erste ökonomische Prinzip als alternativlos darzustellen. Unter dieser Prämisse wurde auch unser Gesundheitssystem vom sozialromantischen Geist des Hippokrates entstaubt und strikt auf betriebswirtschaftliche Ausrichtung getrimmt, von der kleinen Landarztpraxis bis zum Großklinikum.

Die Auswüchse dieser wahnwitzigen Politik sind sattsam bekannt: Siechende Alte in personell katastrophal unterbesetzen Pflegeheimen, ausgepowerte Pflegekräfte, die zwischen Burnout und innerer Kündigung einen respektlos entlohnten Knochenjob verrichten, grassierende Epidemien von multiresistenten Keimen mit Abertausenden von Todesopfern aufgrund mangelnder, weil zu teurer Hygiene, und, und und. Die zeitgenössische Medizin ist mittlerweile Lichtjahre entfernt von dem, was man mit gesundem Menschenverstand erfassen könnte, und es braucht eine gehörige Portion Urvertrauen, sein Leben denen anzuvertrauen, die an diesem System partizipieren, respektive ihm unterworfen sind.

Die Vorstellung, den noch lebenden Körper im Falle einer Organspende ökonomischen Gesetzen und der höchst umstrittenen Diagnose „Hirntod“ zu verantworten, und die latent vorhandene Gefahr, aus schierem Profitstreben für hirntot erklärt und ohne adäquate Anästhesie ausgeweidet, statt respektvoll behandelt zu werden, erfasst mich mit kaltem Grausen.

Und ich schätze, mit diesem Gefühl nicht der Einzige zu sein. Daran wird die respektlose Einteilung der Bürgerinnen und Bürger in altruistische Organspender und egoistische Verweigerer, die man bei der Abstimmung im Bundestag zuweilen aus dem Subtext hören konnte, erst Recht nichts ändern. (Peter Grohmüller, Edingen-Neckarhausen)

Es ist immer schrecklich, zum Tode verurteilt zu sein, weil kein Organspender hilft. Ein Drama – auch für die Angehörigen. Die Lebenserwartung eines Betroffenen spielt dabei eine wichtige Rolle. Sie sollte bei einem vorhandenen Organspender den entscheidenden Ausschlag geben. Was aber, wenn kein Organ zur Verfügung steht, weil sich mögliche Spender verweigern. Sie wären Spender, wenn sie sich zu Lebzeiten ohne Druck und freiwillig schriftlich hierfür entschieden hätten.

Es ist aber fraglich, ob sie einverstanden wären, dass im Todesfall die Angehörigen seinen Willen ignorieren können. Dies wäre keine Spende. Überhaupt: Weshalb soll ein Organ – ohne Ausnahme – gespendet, das heißt geschenkt werden an einen völlig Unbekannten. Die Moral spricht dafür, unter Umständen, aber nicht die eigenen Interessen. Es sollte doch möglich sein, dass man mit seinem Organ die eigenen Kinder oder Lebenspartner finanziell absichern kann. Nicht zuletzt werden Nieren aus Südamerika auch gekauft. Ein geschenktes Leben ist unbezahlbar, man sollte aber die Interessen dessen, der dies ermöglicht, in Betracht ziehen.

Dies ist nicht unmoralisch. Und wer dies nicht kann, dem steht unter anderem ein Spendenaufruf zur Verfügung. Und viele würden eher Geld spenden, als sich zu entscheiden, was mit den eigenen Organen geschehen soll. Die geringe Anzahl der Organspender rechtfertigt diese Alternative. Eine Transplantation wird von den Ärzten auch nicht gespendet. Dass der Hausarzt seinen Patienten die Organspende empfehlen soll, ist weder zumutbar noch zielführend.

Aber hierfür gibt es für die Medien eine gewaltige Aufgabe. Dort sollte immer wieder erklärt werden, wodurch nur ein Toter zum Spender wird. Und jahrelang auf ein Organ warten zu müssen, rechtfertigt, die Geschichte des Betroffenen zu seinen Gunsten überall zu veröffentlichen, um damit die Desinteressierten und Ignoranten zu wecken. Und überhaupt: Soll jemand Anspruch auf ein Organ eines Spenders haben, wenn er sich zuvor einem Spenderausweis verweigert hat?  (Willi Schnurr, Mannheim)

Info: Zum Originalartikel.

Zum Thema