Leserbrief

Leserbriefe

Das schreiben Leser zur Entwicklung am Marktplatz

Zum Interview mit Frank Kalter „Von Ghettoisierung sind wir in Mannheim weit entfernt“ vom 7. Juli:

Ich muss sagen, dass ich mich sehr über das Interview mit Herrn Kalter geärgert habe. Anscheinend ist er noch nie in der westlichen Unterstadt gewesen, sonst würde er nicht davon sprechen können, dass es eine türkische Parallelgesellschaft in Mannheim nicht gäbe. Ich wohne hier seit 30 Jahren und sehe eine Entwicklung, die Herr Kalter political-correct-gemäß – und als Soziologe wohl auch wunschgemäß – als „funktionierend“, jedenfalls nicht integrations-schädlich ansieht.

Wenn er total verharmlosend bemerkt, dass – „wenn mitten in der Mannheimer Innenstadt ein türkisches Restaurant öffnet, ... von Parallelgesellschaft keine Rede sein (könne) – im Gegenteil“, dann hat er den Marktplatz wohl noch nie besucht, sonst wäre ihm aufgefallen, dass es sich nicht um EIN türkisches Restaurant handelt, sondern dass es sich hier um AUSSCHLIESSLICH türkische Restaurants handelt. Das ist wohl ein Unterschied, und vom „Gegenteil“ einer Parallelgesellschaft zu sprechen ist eine glatte Verleugnung der Tatsachen. Von einem Wissenschaftler wäre eigentlich mehr Objektivität und Klarsicht zu erwarten.

Eva Teubert, Mannheim

Das Ende des „Café Journal“ am Marktplatz und die geplante Transformation in ein türkisches „Grillrestaurant“ hat eine Diskussion ausgelöst, die längst überfällig war und die türkische Gastroszene offensichtlich genauso überrascht wie in Erklärungszwang gebracht hat. Die Dominanz türkischen Lebens in all seiner Abgeschottetheit ist seit Jahren in dieser Gegend nicht zu übersehen. Nun ist es offenbar ausgerechnet dieser Wechsel, der diesen Zustand auch in der breiteren Mannheimer Öffentlichkeit thematisiert. Der „MM“ ist daher seiner Aufgabe als Sachwalter brisanter lokaler Themen vollkommen gerecht geworden, indem er dieses Thema auf eine wissenschaftliche Ebene zu erhöhen versuchte.

Und wer wäre dazu mehr berufen als der Co-Direktor des Deutschen Zentrums für Integrations-und Migrationsforschung (DeZIM), Herr Professor Frank Kalter. In einem Interview mit dieser Zeitung endet sein Diskurs mit der Feststellung: Die Gesellschaft hat sich noch nicht in ihrer ganzen Breite auf die neue Normalität eingestellt. Die Vorstellung, dass dieser Mann mit seiner kruden Vorstellung von Normalität ganze Semester der Soziologischen Fakultät der Universität Mannheim infiltriert, macht einen schaudern.

Joachim König, Mannheim

Wo ist mein Mannheim geblieben? Inzwischen bin ich zu alt, um türkisch zu lernen – außerdem in keiner Weise interessiert daran. Seit 68 Jahren lebe ich hier in der einst so schönen Innenstadt. Ja, es war gemütlich, so richtig zum Wohlfühlen, da man (als Frau) bedenkenlos zu jeder Tages- und Nachtzeit raus konnte. Vorbei! Mein Appell an die Stadtverwaltung: Rettet Planken, breite Straße, Marktplatz vor dem völligen Verfall. Deutsche wollen nicht mehr in der Innenstadt leben oder einkaufen. Bitte denken Sie darüber nach, ich bin sehr traurig!

Nadja Ebert, Mannheim

Wird aus dem „Café Journal“ ein türkisches Restaurant? Die Frage beschäftigt offensichtlich viele Mannheimer! Das „Café Journal“ direkt am Mannheimer Marktplatz gelegen war schon immer ein beliebter frequentierter Treffpunkt verschiedener Generationen. Es zeichnete sich durch seinen Stil und der besonderen Atmosphäre aus. Als wäre der Besucher in einem französischem Café, irgendwo in Paris, eingetaucht, aber doch mitten in den Quadraten.

Jetzt scheint das „Café Journal“ endgültig der Vergangenheit anzugehören und wird vielen Besuchern in Erinnerung bleiben. Dasselbe wird sich auch mit den bevorstehenden Schließungen von Kaufhof-Galeria und einigen Geschäften in den Planken widerspiegeln. Aber das Café mit seiner Lage am Marktplatz umgeben von vielen türkischen, arabischen, Lokalitäten, zeichnete immer einen gewissen Charme aus.

Somit ändert sich auch zunehmend das Stadtbild, einhergehend mit seinen kulturellen und sozialen Interaktionen, die auf die jeweiligen Bedürfnisse angepasst werden. Das Ganze spiegelt sich nicht nur im gastronomischen Umfeld wider, sondern auch in anderen Bereichen von Unternehmen, die von Migranten gegründet werden, zum Beispiel Ärzte, Banken, Rechtsanwälte, Firmen, die sich in Mannheim oder vielerorts niedergelassen haben. Und natürlich auch von der Türkischen Republik ihre finanzielle Unterstützung finden. Dieses Instrument benutzen auch fernöstliche Staaten ebenso für ihre Bürger, die sich in Mannheim zunehmend ansiedeln. Diese Praxis ist auch den politisch Verantwortlichen sehr wohl bekannt und offensichtlich auch gewollt. Es bringt schließlich auch Einnahmen für die Stadt selbst.

Außerdem sollte man bedenken, dass geradezu in den systemrelevanten Berufen und in der Dienstleistung sehr viele Migranten die vielen offenen Stellen ausfüllen. Gestartete Personaloffensiven vieler Berufsgruppen (Polizei, Bundeswehr, Feuerwehr, Gesundheitswesen, Sozialberufe, und so weiter) bevorzugen vorwiegend Migranten, für die jeweilig regionale mehrheitliche Bevölkerungsstruktur. Zielführend ist die sprachliche und im Besonderen interkulturelle Kompetenz, auf das bei der Personalauswahl ein besonderes Augenmerk gerichtet wird.

Gerade die jüngere Generation der augenblicklichen Mehrheitsgesellschaft wächst in diese Thematik hinein. Allerdings nutzen auch sehr viele Besucher die Angebote der türkischen oder arabischen Lokalitäten beziehungsweise Shisha Lounge in den Quadraten. Deshalb ist die Politik gefordert, um noch die augenblickliche Mehrheitsgesellschaft auf die Zukunft besser vorzubereiten, anstatt alles auszusitzen und den Bürger mit seinen Ängsten und Problemen alleine zu lassen – damit nicht erst bei bevorstehenden Wahlen diese Thematik aufgegriffen wird, um sich den Wählerstimmen auch sicher zu sein. Denn das vom Souverän erhaltene Mandatum bedeutet, einen erhaltenen Auftrag im Sinne des Wählers auszuführen.

Michael Bartels, Mannheim

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