Leserbrief

Das schreiben Leser zur Mauerfall-Ausgabe

Zur Schwerpunktausgabe zum Mauerfall vom 9. November:

Danke, auch an Frauke Hildebrandt, für diesen Beitrag. Jahrelang fuhren wir quer durch Thüringen, Sachsen und so weiter in die Lausitz zu Freunden nach Spreehammer. So lernten wir nicht nur die Historie kennen – Städte, Burgen, Schlösser, wir kamen auch mit den Menschen ins Gespräch. Frau Hildebrandt hat recht, man sollte eine Quote einführen, so wie früher bei Stellenangeboten hier oft zu lesen war: „bei gleicher Eignung ... bevorzugt“.

Ja, wenn auch am Anfang mit der Privatisierung vieles schiefgelaufen ist, es gab auch Erfolge – aber jetzt kann man verbessern; die damals Zehnjährigen sind doch heute im besten Alter, meist auch mit guter Ausbildung, Studium und so weiter.

Gunthild Roos, Fürth

Zunächst einmal: Jammern, erst recht nach 30 Jahren, gilt nicht. Rückblickend machte mich die dümmlich-peinliche Arroganz der „Besserwessis” schon in den 1960er bis 1980er Jahren wütend. Fassungslos registrierte ich in den 1990ern die Verramschung von ehemals volkseigenen Betrieben, das Allmachtsverhalten vieler Treuhandmitarbeiter und die Gleichgültigkeit gegenüber den „freigestellten” Arbeitern und Angestellten während der oft scheinheiligen „Sanierungsbemühungen”, die in Wahrheit für die dritte Garnitur westdeutscher Möchtegernchefs eher lästige, gut dotierte Abwicklungsarbeit war.

Vor diesen, im ehemaligen Bendlerblock residierenden Jungakademikern fühlten sich die Geladenen wie vor einem Inquisitionstribunal. Der Ossi hatte weiche Knie wie ein Delinquent vor dem Volksgerichtshof. Dieses „von oben herab” hatte System. Ohne Wessi-Unterstützung (die gab’s auch) war er dem Fragenbombardement nicht gewachsen. Diese Atmosphäre zwischen banger Hoffnung und resignativem Sich-Ergeben erlebte ich 1991/92 hautnah in Sangerhausen, Leipzig und Löbau, und natürlich in Berlin.

So sehr Frau Professor Hildebrandt recht hat: Mit Quoten ist dem Missverhältnis nicht beizukommen. Das in den Brunnen gefallene Kind braucht kein Mitgefühl, sondern Beifall, um den Schock wegzustecken. Da die Mutigsten eh’ „rübergemacht“ haben, ist es Sache der nach 1980 Geborenen, der Rückkehrer und der Wessis, die eine neue Heimat gefunden haben, die vielen Jungpflanzen zu einem stattlichen Wald zu hegen.

Die verbliebenen Alten sind zurecht stolz auf ihre Nachkriegsleistung. Hört ihnen zu, um euch wechselseitig zu motivieren! Das verbindet privat, stärkt das Gemeinschaftsgefühl und generiert Erfolg. Wartet nur ab: In den nächsten 20 Jahren zeigen uns die Ossis, wie Erfolg geht!

Andreas Weng, Mannheim

Ihr seid schuld! Ja, Ihr seid schuld daran, dass ich meinen normalen Tagesablauf sausenlasse und die spezielle Ausgabe von vorne bis hinten voller Begeisterung lese. Was für eine herausragende journalistische Leistung zum 30. Jahrestag der Maueröffnung! Differenziert, ausgewogen und klar – herzlichen Dank dafür.

Gudrun Gratz-Fister, Mannheim

Was Hildebrandt postuliert, überpointiert und zerpflückt, bedient die jeweiligen Ressentiments in West- und Ostdeutschland; auch, wenn sie in ihrer Präambel ausdrücklich die Wiedervereinigung würdigt! Den Formulierungen ist zu entnehmen, dass einzig aus Sicht der ehemaligen DDR analysiert wurde; den Umkehrschluss, die Einschätzung des Westens, aber unter den Tisch fiel. Beide Perspektiven sind allerdings relevant, sollte es eine halbwegs objektive Darstellung projizieren. Förderlich in der Sache ist es nicht.

Übrigens: Hildebrandt wurde bis zum 20. Lebensjahr in Ostdeutschland sozialisiert – ein DDR-Vermächtnis? Sicher, es ist richtig, Bundeskanzler Kohl hätte nie blühende Landschaften binnen weniger Jahre versprechen dürfen. Es ist aber auch korrekt, dass bloß ein schmales Zeitfenster Gelegenheit bot zu handeln – eine Wiedervereinigung beider deutschen Staaten zu ermöglichen. Das Aufbegehren von DDR-Bürgern war ein mutiger Schritt, der die Einheit ins Rollen brachte – unbestritten. Diese Chance galt es zu nutzen und Kohl nahm sie wahr, unter Einbindung Gorbatschows und westlicher Staatschefs.

Wenn die Autorin von einer Deindustrialisierung spricht, die der Westen aus purem Eigeninteresse umgesetzt hätte, zeigt sie sich realitätsfremd. Ich selbst war sowohl vor, als auch nach der Wende, einige Male in Ostdeutschland. Ich habe erkannt, wie marode die meisten Unternehmen wirklich waren, was an Rohstoffen und neuesten Technologien fehlte. Das hat zunächst nichts mit den hervorragenden Wissenschaftlern zu tun, die teils hohe Anerkennung fanden. Nein, es hat mit einer Art Verherrlichung des DDR-Systems zu tun!

Auch das gehört zur Wahrheit: Unsere ostdeutschen Mitbürger partizipierten später von halbwegs ordentlichen Renten und offenen Systemen, denn DDR-Renten lagen, mit Verlaub, in einem leeren Fass! Heute aufzurechnen, was der Westen an Vorteilen gehabt haben soll, der Osten an Nachteilen hätte, birgt Sprengkraft, die deutsche Gesellschaft weitere Jahrzehnte in Atem zu halten.

Auch Westdeutschland musste, unabhängig vom Marshallplan, horrende Reparationszahlungen leisten; noch heute fordern Nachbarn - um damit Löcher stopfen- Tribut! Heute Ost-Quote und mehr Gerechtigkeit zu fordern, was auch immer das heißen mag, als wäre es das einzig Veritable, kann als mögliche Wiederholung eines sozialistischen Weges eingeordnet werden.

Karl-Heinz Schmehr, Lampertheim

Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls wurde kräftig in Berlin gefeiert. Die Kanzlerin und der Bundespräsident hielten Reden dazu – ob pflichtgemäß oder aus Überzeugung sei dahin gestellt. Das Fernsehen brachte auf vielen Kanälen Beiträge und Filme – und überall konnte man die menschenverachtende und brutale Behandlung derer sehen, welche dem „DDR-Regime“ nicht passten. Das Volk wurde belogen, betrogen, eingesperrt und für dumm gehalten. Verbrecher – ja Verbrecher wie Honecker und Genossen gaben sich aber als Menschenfreunde aus.

Armes Deutschland

Um so weniger ist zu verstehen, dass die Nachfolgepartei der SED – die Linke – den Wahlsieg in Thüringen eingefahren hat und nun den Anspruch auf Regierungsverantwortung stellt. Hat man dort etwa vergessen, wie viele Menschen unter unvorstellbaren Umständen geflüchtet sind und wie viele letztlich auch ihr Leben verloren?

Armes Deutschland – wie tief bist du gesunken! Dann wird dem Lindenberg das Bundesverdienstkreuz überreicht – für was eigentlich? Dass er dem Honecker fast in den Allerwertesten gekrochen ist, ihm ein Lied (Sonderzug nach Pankow) gewidmet hat oder weil er etwa gegen die AfD Stimmung macht?

Karl Bock, Mannheim