Leserbrief

Das schreiben "MM"-Leser zum Coronavirus

Alle Sachen haben Vorteile und Nachteile. Die Corona-Krise auch? Ich muss sagen, ja! Warum? Ich zeige Ihnen gerne drei Gründe.

Erstens: Ich hatte eine Chance, einen Leserbrief über die Corona-Krise zu schreiben. Es macht mir so viel Spaß, und es ist gleichzeitig eine gute Gelegenheit auf das Jahr 2020 zu schauen. Vom 23. April bis zum 21. Mai wollten mein Mann (Deutscher) und ich meine Heimat Japan besuchen. Aber plötzlich mussten wir unseren schönen Reiseplan ändern. Wir bleiben zuhause, und ich muss keine Reisevorbereitungen mehr treffen. Nun habe ich genug Zeit. Warum soll ich die Zeit nicht nutzen?

Zweitens: Während ich diesen Brief hier schreibe, kann ich die schwere Situation und die Beschränkungen des öffentlichen Lebens vergessen. Mein Kopf schwirrt schon vor Worten für diesen Brief. Wenn ich mich auf einen Entwurf konzentriere, kommen frühlingshafte Sonnenstrahlen durch ein großes Fenster hinein. Huum, wie schön. Ja, ich bleibe gerne zuhause. Außerdem benötige ich dazu nur Papier und einen Kugelschreiber. Besser gesagt, ich benötige nur meinen Computer. Natürlich sitze ich alleine am Computer. Ansammlungen und Partys sind für mich absolut nicht notwendig, beziehungsweise sie sind derzeitig ohnehin nicht gestattet.

Drittens: Wie Sie wissen, ist Händewaschen mit Seife eine Vorbeugungsmaßnahme gegen das Coronavirus. Schon in der Kindheit waschen Japaner sehr oft ihre Hände. Mütter sagen ihren Kindern, wenn sie nach Hause zurückkommen, dass sie sich bitte zuerst die Hände waschen sollen. Deshalb ist Händewaschen für mich wirklich normal. Ist dies für Deutsche auch so normal? Vielleicht nicht? Zumindest für meinen Mann scheint dies nicht der Fall zu sein. Vor der Corona-Krise habe ich mich manchmal mit meinem Mann über das Thema Händewaschen gestritten. Mit Blick auf seine Gesundheit hatte ich ihm in der Vergangenheit schon mehrmals empfohlen, die Hände zu waschen, besonders nach dem Naseputzen.

In Japan gibt es ein Sprichwort: Durch eine Verletzung bekommt man unverhofftes Glück. Das heißt, eine Verletzung ist nicht immer schlecht. Die Corona-Krise ist schlimm. Aber meiner Meinung nach lernt man trotz dieser schwierigen Zeit etwas und findet alternative Ideen, um zu überleben. Yumiko Sangen-Emden, Mannheim

Möglicherweise habe ich es auch überlesen – bei all den Planungen um geöffnete Spielplätze, Kaufhäuser, Autokinos, Bundesliga und so weiter, aber hört man Anfragen wegen Hallen- und Freibädern? Ja, ich weiß (bin selbst einer): Schwimmer sind meist friedliche, geduldige, ausgeglichene Menschen – so sie denn schwimmen können. Was sich mir logisch nicht erschließt: Wieso soll ein Technikmuseum mit mehreren Ebenen, ein Zoo mit großem Freibereich, Stadtparks geöffnet werden – und keine Bäder? Hier ist die zu überwachende Fläche und eventuelle Ansammlungen wesentlich leichter zu kontrollieren – vom Chlor im Wasser mal abgesehen. Und wer soll bei einem Autokino kontrollieren, dass es kein Gehüpfe von Wagen zu Wagen gibt? Iris Weeling, Mannheim

Zuallererst: Ich bin sauer, dass die Debatte um die Kinder, die bekanntlich unsere Zukunft sind, erst jetzt stattfindet. Als alleinerziehende Mutter eines Einzelkindes, berufstätig im Homeoffice, befinde ich mich am Ende meiner Kräfte. Die wochenlange Isolation hat mir und meinem Kind zunehmend zugesetzt. Ich werde keiner Aufgabe mehr gerecht, was zu Frustration, Erschöpfung und gar Verzweiflung führt. Haushalt immer und immer wieder zwischendurch erledigen, einkaufen (dabei jedes Mal vor dem Markt und im Markt anstehen), dem Kind viel zu wenig Aufmerksamkeit schenken, versuchen dem Arbeitgeber zuzuarbeiten, Mangelware Zeit finden, um mit dem Kind an die frische Luft zu gehen, während daheim so Vieles liegenbleibt, abends erschöpft ins Bett fallen und beten, dass dieser Wahnsinn ein Ende hat.

Das Kind vermisst den Kindergarten, seine Freunde, geregelte Abläufe, schaut zunehmend fern, powert sich nicht genügend aus, hat jede Menge Energie, die es nicht verbrauchen kann. Konflikte entstehen, weil ich als Mutter praktisch keine Freizeit mehr habe, was zu einer niedrigeren Toleranzschwelle führt. Wann soll ich Luft holen? Entspannung ist ein Fremdwort geworden. Stehe ständig unter Strom! Das spürt mein Kind natürlich. Ich wünsche mir, dass der Kindergarten öffnet, dass die Kinder – wie in Schweden – endlich wieder miteinander spielen können. Und zwar ohne Mundschutz, da er sowieso keinen Schutz bietet und Kinder darunter beim Rumhampeln schwitzen werden. Emese Ibba, Mannheim

So wie die Wahl Trumps in den USA Rückschlüsse auf den Zustand der dortigen Gesellschaft aufdrängt, so erscheint es mir auch zwingend, aus dem Umgang mit der gegenwärtigen Pandemie Rückschlüsse auf die Verfassung weiter Teile der globalisierten Welt zu gewinnen. Aber während im Falle Trumps auch persönliche Zuschreibungen von Verantwortung möglich und notwendig sind, stehen die Politiker und Politikerinnen weltweit unter medial erzeugtem Druck, der sie nur bedingt als für ihre Maßnahmen persönlich verantwortlich erscheinen lässt – sie sind Getriebene. Und was treibt sie?

Anscheinend hat sich in den saturierten Ländern eine höchst abstrakte Vorstellung vom Wert des je eigenen Lebens herausgebildet: Gleichgültig von wie vielen Krankheiten jemand geplagt ist und wie viele Tage das Leben noch andauern dürfte und obwohl kein Kontakt mehr zu den Menschen möglich ist, die zum persönlichen Umfeld gehören, erscheint dieses Leben als nicht relativierbar. Auch wenn Hunderttausende dadurch massiv beeinträchtigt werden, es wird absoluter Schutz dieses (manchmal elenden) Lebens verlangt – koste es, was es wolle. Die Frage nach einem lebenswerten Leben ist in Deutschland besonders vergiftet, was vor dem Hintergrund unserer jüngeren Geschichte auch nicht verwundern kann. Aber wenn ich gefragt werde, was für mich wichtiger sei, meine eigene Gesundheit, mein eigenes Überleben, oder Gesundheit und Leben meiner Enkel oder Urenkel, ist meine Antwort eindeutig. Wollen wir tatsächlich unser gesamtes gesellschaftliches Leben lahmlegen, weil einige wenige von uns gefährdet sind? Dies erscheint mir als eine Form von Egozentrik, die ich als unerträglich empfinde.

Ich lebe gern, aber ich erwarte nicht, dass unsere Gesellschaft still steht, um mich mit allen Mitteln vor einem eventuell etwas früheren Tod zu bewahren. In einem Interview mit einer Frau, wohl aus einem Flüchtlingslager im Libanon, sagte diese: „Ich habe keine Angst vor dem Virus, ich habe Hunger!“ Wenden wir uns den wirklichen Problemen dieser Welt zu und kümmern wir uns um tatsächlich mögliche Lösungen, dann sind wir hinreichend und sinnvoll beschäftigt. Allein schon die Aufgabe, möglichst weite Teile unserer Erde dauerhaft für unsere Nachkommen bewohnbar zu erhalten, benötigt viel Engagement, Kreativität und Energie. Diese Ressourcen sollten wir nicht verschwenden. Günter Eitenmüller, Weinheim

Herr Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen und einer der führenden Grünen, sagte: „Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären.“ Der „Schutz des Lebens“ ist ein wesentlicher Grundwert unserer Gesellschaft. Für Herrn P. aus T. aber scheint er nur eine nachgeordnete, ökonomische Bedeutung zu haben. Damit befindet er sich in brandgefährlicher Nähe zum Nazi-Vokabular von „wertem und unwertem Leben“, der NS Euthanasie. Ob da eine einfach in den Raum geworfene Worthülse der Entschuldigung ausreicht? Wohl nicht. Ein Rücktritt wäre angemessen. Martin Lietz, Sinsheim

Ob man das Radio oder den Fernseher einschaltet, jeder hat nur noch Corona im Munde. Ich glaube, dass viele Virologen überhaupt nicht mehr zum Schlafen kommen – sie sind jedenfalls rund um die Uhr präsent. Dasselbe gilt für einige Politiker. Diese haben ein Gesetz, das die Rechte der Bürger ganz erheblich einschränkt, innerhalb weniger Tage durchs Parlament getrieben – wo doch eine „Notverordnung“ auch gereicht hätte. Dieses Tempo habe ich bisher nur bei der Diätenerhöhung im Bundestag erlebt. Bei der Grundrente oder dem Mindestlohn geht es nur schleichend voran. Inzwischen sind die Infektionszahlen im Promillebereich angekommen. In meiner Arztpraxis hat man mir gesagt, dass bei den jährlichen „Grippezeiten“ im Frühjahr und im Herbst der letzten Jahre das Tausendfache an Grippeinfektionen und Todesfällen gemeldet wurden. Im hohen Prozentbereich liegen in Deutschland die Erkrankungen durch hohen Alkohol- und Zigarettenkonsum. Ebenso die Sterberaten.

Doch schauen wir auf die astronomischen Summen, die die Bundesregierung zur Bewältigung der durch die „Corona-Pandemie“ hervorgerufenen wirtschaftlichen Probleme zur Verfügung stellt. Es stellt sich die Frage, woher diese Summen plötzlich kommen? Auch, kommt das Geld da an, für was es gedacht ist? Wie viel kommt tatsächlich beim Kleinunternehmer, oder beim „kleinen Mann“ an? Inzwischen haben sich große Organisationen und Konzerne formiert, die im Jahr 2019 teilweise noch Milliarden Gewinne bilanziert haben, und melden Kurzarbeit an. Handelsketten wie adidas, Deichmann, H&M etc. folgten. Sie alle werden Mittel und Wege finden, vom großen Kuchen ihren Teil abzugreifen. Es erstaunt, dass diese Unternehmen schon nach zwei Wochen Corona-Krise ihre wirtschaftliche Not offenbarten.

Auch, dass die sich in Not befindlichen Aktiengesellschaften Dividenden und Boni ausbezahlen. Doch der Friseur, der Gastwirt, der Fahrlehrer und so weiter kann mangels Kunden – auch mangels Lobby – seine Miete, Pacht und Angestellten nicht bezahlen. Merke, Kurzarbeitergeld ist keine Hilfe – das ist soziale Schwächung. Die großen Firmen stellen sich nun personell „neu auf“. Sie verschlanken sich personell. Das heißt im Klartext Entlassungen von Mitarbeitern in großem Stil!

Wenn diese Pandemie vorbei ist, wird nichts mehr so sein wie es vorher war. Die Arbeitslosigkeit wird so hoch sein, dass sie nicht mehr schöngeredet werden kann. Ebenso wird die Verschuldung und die einhergehende Verarmung der kleinen Leute sich erheblich steigern. Eine schreckliche Bilanz! Ja, ich fürchte mich vor der „Katastrophe nach der Katastrophe“. Werner Bettwieser, Mannheim