Leserbrief

Das schreiben unsere Leser zur Corona-Krise

Zum Thema Corona:

Die massive Einschränkung der Grundrechte der Bürger ist schon ein einmaliger Vorgang, der den Menschen viel zumutet. Und dass Bürger dagegen öffentlich ihren Protest zeigen, ist trotz der Corona-Pandemie meines Erachtens zulässig und ihr gutes Recht. Aber mit Schaudern habe ich die Bilder gesehen, wie Polizei in Kampfmontur diese Bürger einkesselt und mit Gewalt abführt. Für mich absolut unverhältnismäßig und unangemessen.

Und dass nun die Bundeskanzlerin Diskussionen über die gegenwärtigen Einschränkungen als „Öffnungsdiskussionsorgien“ abwürgen möchte, ist ein nicht hinzunehmender Versuch, das Grundrecht der freien Meinungsäußerung zu untergraben. Ich vermisse ohnehin eine Diskussionen über die Sinnfälligkeit der Maßnahmen und der weiteren Schritte. (von Rainer Tiede, Biblis)

Endlich – die Autohäuser sind wieder geöffnet! Nachdem nun alle mit Klopapier versorgt sind, warten Millionen Bundesbürger seit Wochen darauf, endlich ihren neuen Stadtgeländewagen testen, erwerben, abholen zu können. Schließlich kann man zur Zeit endlich wieder so richtig durchstarten, auch die Autobahnen sind frei, so dass man unbeschwert nach Nordrhein-Westfalen brausen kann, denn nur dort sind auch die Möbelhäuser geöffnet – schnell, schnell, sonst sind die besten Sonderangebote weg, bitte drängeln.

Im Ernst: Es gab viele Stimmen, die davon sprachen, dass die Corona-Krise auch eine Gelegenheit ist zur Neubesinnung, darüber nachzudenken, dass unsere Lebensweise, Konsum als Religionsersatz, weltweite Mobilität, verbunden mit unbegrenztem Verbrauch von Rohstoffen und Zerstörung der Umwelt so nicht weitergehen kann. Die sofortige, unhinterfragte und unnötige Öffnung der Autohäuser als eine der ersten Lockerungsmaßnahmen ist ein Signal der Politik, ein Zeichen dafür, dass sich nichts ändern wird: der absolute Vorrang des privaten Pkw als Fortbewegungsmittel, das vor allen anderen für Zerstörung unserer Umwelt steht. (von Wolfgang Buchholz, Mannheim)

Auf meiner wöchentlichen Nordic Walking Tour am Neckar laufe ich gerne von meiner Wohnung am Wasserturm hinüber zum Klinikum, um dann über die Maruba hinunter zur Feudenheimer Schleuse zu gelangen. Auf der anderen Seite laufe ich über den Neuostheimer Neckardamm zurück über den unteren Luisenpark. Das mache ich schon seit einigen Jahren und es gehört zu meinem wöchentlichen Fitness-Programm.

Jetzt zur Corona-Krise ist die Bewegung an der frischen Luft erst recht Labsal für die Seele. Als die Einschränkungen wegen Covid 19 die Stadt lähmte und sozusagen aus der Kurve warf, hatte ich meine Zweifel, ob Mannheim das hinbekommen würde. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass diese quirlige Stadt, mit ihrem robusten Charme und ihren unterschiedlichen Kulturen sich durch Regeln und Beschränkungen lenken ließ. Aber Mannheim bekommt es hin! Ich bin stolz auf meine Mitmenschen!

Selbst auf meiner Nordic-Walking-Strecke versuchen Spaziergänger, Jogger und andere Frischluftsuchende Abstand zu halten. Was nicht immer so einfach ist. Durch die Einschränkungen und Kurzarbeit haben die Menschen wieder mehr Zeit und sie drängen sich in die Natur. Es mag nicht nur an Corona liegen, aber sicher am Frühling, dass die Leute diese schönen Tage ausnutzen wollen.

Die Menschen sind achtsamer und die Natur dankt es ihnen. Die Mannheimer Luft ist besser geworden und was soll ich sagen, selbst der Müll, der vorher achtlos weggeworfen wurde, ist jetzt anders. Keine Bier- oder Getränkedosen liegen am Wegesrand, sondern vereinzelt Einmalhandschuhe und Mundschutzmasken. Offensichtlich ist durch die Krise die Lust auf private oder einzelne Trinkzeremonien an besonders beliebten Plätzchen am Neckar verlorengegangen. Es würde auch das Portemonnaie zu sehr belasten, wenn man erwischt würde.

Bei den Gesprächsfetzen, die ich auf meiner Tour aufschnappe, geht es immer um Corona und ums Home Office. Wie soll es auch anders sein! Auf der Feudenheimer Schleuse hat irgendeine Community das Geländer mit aufmunternden Sprüchen, Songtexten und Psalmen bestückt. „Bridge over troubled water“ war auf einem Schild zu lesen. Obwohl der Neckar nichts mit unruhigem Wasser zu tun hat, fand ich das Gelesene durchaus passend. Genau richtig in dieser verrückten Zeit. Weiter geht es auf dem Neuostheimer Neckardamm. Jogger mit ihren knallbunten Laufanzügen kommen mir entgegen. Fahrradfahrer, Spaziergänger und Skater drängen sich über den schmalen Weg Richtung Fernsehturm. Die Menschen versuchen ihr Bestes, um den Abstand zu wahren. Im unteren Luisenpark geht es dafür geruhsamer zu. Besonders Sonnenhungrige liegen auf ihren Decken und genießen die ungewöhnlich warmen Temperaturen. Etwas weiter spielen Eltern mit ihren Kindern Frisbee.

Die Spielplätze sind noch geschlossen, trotzdem wollen die Kinder beschäftigt werden. Deshalb wurde auch die gute alte Straßenkreide heraus geholt. Kindergemälde auf dem Asphalt. Bunte Hinkelkästchen neben einem imaginären Weg, vom Nationaltheater zum Rewe Markt, dazwischen das Einmaleins gekritzelt und mit ungelenken Krakeln steht noch „Es wird alles gut“ zu lesen. Ja, das wollen wir hoffen. Vor allem, soll es nach Corona nicht wieder so weiter gehen, wie vor Corona. Nicht schneller, weiter, besser, reicher zählen, sondern Nachhaltigkeit und Achtsamkeit und das in allen Bereichen des Lebens. (von Heidi Loeper, Mannheim)

Wir wohnen in der Mannheimer Innenstadt. Was wir jetzt am Wochenanfang gesehen haben, schlägt dem Fass den Boden aus. Fußgängerzone und Breite Straße voll, als wäre nichts geschehen. Nix zu sehen von Abstand halten. Ganze Familien auf Einkaufstour. So geht das Ganze nach hinten los. Und sich dann in ein paar Wochen beschweren, wenn es zur Ausgangssperre kommt. (von Max Lerch, Mannheim)

Baden-Württemberg ist bereits bundesweites Schlusslicht bei den Krankenhausbetten je 100 000 Einwohner. Das ist ausgesprochen peinlich. Bei den Masken wäre es schön, wenn sich die Landesregierung bei verbindlicher Einführung ein Beispiel an der Vorgehensweise von Luxemburg nimmt. Dort hat jeder Einwohner zu Beginn der Maskenpflicht fünf Schutzmasken in seinen Briefkasten erhalten. Von der Regierung und kostenlos natürlich. (von Daniel Droste, Mannheim)

Angst wird umso stärker, je mehr wir sie verdrängen, da sie sich so in unserem Unterbewusstsein breitmachen kann. Hier können wir auf sie nur noch wenig einwirken. Die Corona-Pandemie verdeutlicht uns auch, dass es ein Irrglaube ist, dass wir Menschen hier auf diesem Planeten fast alles im Griff hätten, beziehungsweise beherrschbar ist. Unser Machen führt uns an Grenzen. Das erleben wir bereits in der globalen Klimaveränderung, die Art und Weise, wie wir mit der Natur insgesamt umgehen.

Angst und Leid können aber auch unsere wahrhaftigsten Lehrmeister sein, die uns darauf hinweisen wollen, dass wir das Prinzip von Ursache und Wirkung zu wenig achtsam im Blick hatten. Es stellt sich die Frage nach der Corona-Krise, was haben wir wirklich daraus neu erlernen können? Und inwieweit kann daraus für uns selbst und diese Welt jetzt Lebenswirklichkeit werden? Wir vergessen nur allzu schnell. Von Bertolt Brecht stammen die Worte: Die Welt verändert sich erst, wenn wir uns persönlich verändern wollen.

Doch wollen wir das für uns persönlich wirklich so? Oder erwarten wir weiterhin, dass diese Veränderungen vor allem von Außen erbracht werden? Wir haben jetzt alle viel Zeit, über das nachzudenken, was für uns alle einen wirklichen Bestand in unserer eigentlichen Lebensqualität beinhaltet. Und inwieweit wir bereit sind, dem nachzufolgen, was Immanuel Kant bis heute an uns weiterreichen möchte, das was wir für selbst heute und morgen als ganz selbstverständlich betrachten, das so auch jetzt allem anderem Lebendigen zubilligen zu wollen.

Angst als eine innere Erscheinungsform verdeutlich uns auch, dass ein Großteil, was uns in allem persönlich ausmacht, sich im Unsichtbaren vollzieht – unsere Emotionen, Gedanken, unsere innere Balance = vegetatives Nervensystem. Wenn wir dies deutlicher in Betracht ziehen, wird uns auch die Fähigkeit zuteil, herauszuspüren, wo sich die Angst bei unserem Gegenüber breitgemacht hat, ihm/ihr vermitteln, in deiner Angst bist du jetzt nicht allein. Komm, lass uns gemeinsam nach Lösungen Ausschau halten.

Das wäre für mich ein wesentlicher Bestandteil, wenn jetzt in unserer Gesellschaft von mehr Solidarität gesprochen wird. Einem großen Einzelhandelsunternehmen ist dabei etwas Großartiges eingefallen, eine Mitteilung in ihrem Prospekt mit hinzuzufügen. Auf dem zu lesen ist: Wer braucht in dieser Krisenzeit Hilfe? Und wer möchte gerne hier helfen? Jeder kann sich dazu eintragen. Ich habe das in unserem großen Wohnhaus am Anschlagbrett aufgehängt und mich selbst als Helfer vor Ort angeboten. Dort sind auch immer wieder ein paar schriftliche Impulse angebracht, wo wir uns im Haus in einem verstärkten Gemeinschaftsgeist neu begegnen wollen.

Corona fordert uns dazu auf, aus diesem herausfordernden Tatbestand, Möglichkeiten durch jeden von uns zu erschaffen, wo Licht inmitten allem Dunklen zutage treten kann. (von Manfred Fischer, Mannheim)

Wo ist Greta, das kleine Revoluzzer-Mädchen aus Schweden, welches im letzten Jahr die ganze Welt wegen Klimaschutz aufgemischt hatte? Seit Wochen habe ich nichts mehr von Greta Thunberg gehört. Ist sie in Urlaub geflogen? Nee, geht ja gar nicht. Vielleicht ist sie auch in Kurzarbeit. Dabei haben wir unsere Klimaziele noch lange nicht erreicht. Dank ihrer Intervention wird schon deutlich weniger Auto gefahren. Das Flugaufkommen ist um über 95 Prozent zurückgegangen. Gut so, aber könnte man nicht, gerade weil die Menschen endlich umdenken, erst recht Demos organisieren. Die Schüler hätten unendlich Zeit.

Man könnte aus „Fridays for Future“ ein „Everyday for Future“ machen. Die Kids müssten noch nicht mal die Schule schwänzen. Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe hat Demonstrationen grundsätzlich erlaubt, wenn Hygiene und Abstände eingehalten werden. Das heißt, im Abstand von zwei Meter könnte man, bewaffnet mit einem biologisch abbaubaren Desinfektionsmittel und einer veganen Mehrweg-Gesichtsmaske, deren Stoff aus nachhaltiger Herstellung stammt, auf die Straße gehen und demonstrieren. Also Greta, lass dich nicht so hängen, es gibt noch viel zu tun. Vor allem die Millionen von Einweg-Gesichtsmasken und Gummihandschuhe. So viel Müll – ich darf gar nicht daran denken. (von Ferdinand Crnjak, Lampertheim)

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