Leserbrief

„Debatten“-Beitrag erfreut, weil ohne ideologische Positionierung

Zum Debattenbeitrag „Muss mein Kind aufs Gymnasium, Herr Füller?“ vom 29. September:

Endlich mal ein Artikel zum Thema „Schulstrukturen“, der ohne die sonst üblichen ideologischen Positionierungen auskommt. Als ehemaliger Leiter einer gymnasialen Oberstufe und späterer Schulleiter einer Integrierten Gesamtschule möchte ich ergänzen, dass viele der alten Integrierten Gesamtschulen in ihrer Entwicklung auf unterschiedlichen Wegen von der früheren fachlichen Leistungsdifferenzierung Abschied genommen haben und sich zu Konzepten weiterentwickelt haben, die sich denen der heutigen Gemeinschaftsschule ähneln.

Auch bei den vielen Integrierten Gesamtschulen, die es in anderen Bundesländern gibt, hat sich das gezeigt, was Herr Füller für die Starter-Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg nennt: Etwa zwei Drittel der Schüler mit einer Hauptschulempfehlung verlassen die Integrierten Gesamtschulen mit einem Realschulabschluss, etwa zwei Drittel der Schüler mit einer Empfehlung für die Realschule erreichen die Qualifizierung für die gymnasiale Oberstufe und die Anzahl der Schüler mit einer Empfehlung fürs Gymnasium, die das Abitur schaffen, liegt bei 98 Prozent. Auch hier hat sich also gezeigt, dass in einer Schulform, die mit heterogenen Lerngruppen arbeitet und die ohne Sitzenbleiben und Abschulungen auskommt, sehr erfolgreich im Sinne der Schüler gearbeitet wird. Dass immer mehr Eltern Schulformen wünschen, die für ihre Kinder möglichst lange den Weg zum Abitur offen halten, ist verständlich, wenn man sieht, für welche Berufsausbildungen heutzutage das Abitur verlangt wird.

Die Hindernisse bezüglich der gymnasialen Oberstufe, die für die Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg gezielt als Maßnahme gegen diese Schulform gesetzt werden, könnte man relativ leicht beenden. Klar ist, dass eine kleine Oberstufe, auch an einem Gymnasium, nicht attraktiv ist, weil durch die Struktur der gymnasialen Oberstufe die Angebote an unterschiedlichen Fächern sehr gering sind. Je größer die Oberstufe, je mehr Schüler und Lehrkräfte, umso größer die Vielfalt der Fächer, die angeboten werden können.

Daher sollte man generell größere gymnasiale Oberstufen schaffen. Das wäre möglich, wenn alle weiterführenden Schulen der Sekundarstufe I mit Klasse 10 enden würden und die Schüler verschiedener Schulen, die Ende der Klasse 10 die Qualifizierung für die gymnasiale Oberstufe erlangt haben, gemeinsam in einem Oberstufenzentrum den Weg zum Abitur gehen würden.

Vor allem für ländliche Regionen würde dieses Konzept viele Probleme lösen und die Oberstufen attraktiver machen. In einem Aspekt muss ich die Ausführungen von Herrn Füller korrigieren, beziehungsweise ergänzen.

Wir haben kein dreigliedriges Schulsystem, sondern ein viergliedriges. Herr Füller vergisst die Sonder-/Förderschulen. Das ist an dieser Stelle wichtig zu erwähnen, weil der durch die UN-Behindertenrechtskonvention verlangte Aufbau eines inklusiven Schulsystems wesentlich rascher vorankäme, wenn es mehr Integrierte Gesamtschulen und Gemeinschaftsschulen gäbe.

Wenn das Lernen so gestaltet wird, wie Herr Füller es partiell beschreibt, mit individuellen Lernwegen und lebensweltorientierten Fachangeboten, könnten die schulischen Strukturen doch irgendwann dort ankommen, wohin sie sich dringend entwickeln müssen: bei einer Schule für Alle.

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2zLoFl2