Leserbrief

Der Aggressor als Opfer

Zum Kommentar „Ohne Freunde“ vom 29. Februar:

In den letzten Tagen erleben wir, dass die völkerrechtswidrige militärische Intervention der Türkei, mit Hilfe von Al-Quaida-Ablegern und Al-Nusra-Terroristen in Syrien von Erdogan und seinen Unterstützern in unseren Medien als gerechtfertigt unterstellt und die Gegenwehr der syrischen Regierung im eigenen Land kritisiert wird. Der Aggressor ist das Opfer. In vielen deutschen Medien kommen die Angreifer damit durch. Frechheit siegt!

Die Logik dieses aberwitzigen Kommentars kann kein Mensch bei normalem Verstand nachvollziehen. Erdogan marschiert in Syrien ein, er verletzt die Souveränität Syriens. Syrien verteidigt sich mit Hilfe seines Verbündeten Russland, als Konsequenz werden „harte Sanktionen gegen Moskau“ gefordert. Wobei nachrangig ist, „ob die syrische oder die russische Luftwaffe die Bomben auf die türkischen Soldaten abgeworfen hat“, denn der Russe ist immer schuld beziehungsweise „wir, die Guten“ stehen so über allen, dass wir allein definieren, was richtig und falsch ist.

Diese Hybris macht sprachlos

Und schon steht der Autokrat Erdogan, der die Demokratie in der Türkei mit Füßen tritt „auf der richtigen Seite“. Diese unglaubliche Hybris macht einen sprachlos. Wie immer wird auch die Ursache der ganzen katastrophalen Lage – des missglückten „Regime Change“ der USA seit 2011 in Syrien – verschwiegen. Russland ist völkerrechtskonform seit 2015 auf Bitten der syrischen Regierung im Land.

Aber allein schon die manipulative Rhetorik des Kommentars ist erschreckend geschichtsvergessen. Herr Serif, Sie haben positiverweise richtig darauf hingewiesen, dass der Einmarsch der Türkei völkerrechtswidrig ist, auch muss an dieser Stelle an die UN-Charta Artikel 2, Abs. 4 erinnert werden: Alle Mitglieder unterlassen in ihren internationalen Beziehungen jede gegen die territoriale Unversehrtheit oder die politische Unabhängigkeit eines Staates gerichtete oder sonst mit den Zielen der Vereinten Nationen unvereinbare Androhung oder Anwendung von Gewalt. Aber, Herr Serif, seit wann sind Al Quida, Al Nusra und IS-Kämpfer Rebellen? Oder sind es einfach die Reste islamischer Terrorgruppen, die der Westen und Saudi-Arabien gezüchtet und unterstützt hat, um den Regime-Change in Syrien mit allen Mitteln herbeizuführen? Wäre Ihnen ein islamistisches Regime von diesen Leuten lieber? Denn eine demokratische Ordnung würde nie akzeptiert werden. (Wilfried Bauer, Mannheim)

Herr Serif hat etwas eigentümliche Ansichten über den Krieg in Syrien und die daran beteiligten Parteien. Denn diese sind nicht nur Putin, Assad und Erdogan, sondern ein wahres Stelldichein an verschiedensten nationalen Interessen – nicht nur von Anrainerstaaten.

Sanktionen auch gegen Türkei

Zwar hat er richtig erkannt, dass Erdogan völkerrechtswidrig in Idlib – übrigens auch in Afrin, also Syrien – einmarschiert ist, das führt aber bei ihm mitnichten zur Erkenntnis, dass dann eben auch gegen die Türkei Sanktionen erhoben werden müssten. Dass Erdogan jetzt auch im libyschen Bürgerkrieg mitmischt, der im Übrigen nur durch einen völkerrechtswidrigen Angriff und das Wegbomben von Gaddafi durch diejenigen, die Herr Serif wohl als „die Guten“ bezeichnen würde, ermöglicht wurde, sei nur nebenbei erwähnt.

Auch hat er in seiner einseitigen Verurteilung wohl den – ebenfalls völkerrechtswidrigen – Angriff der USA des Georg W. Bush auf den Irak vergessen. Aber das ist alles egal, nur die Sanktionen gegen Russland müssten nach seinem Gusto verstärkt werden. Im Übrigen bittet Erdogan nicht um Hilfe, sondern er fordert Hilfe, unterstützt durch Drohungen, die Flüchtlinge in seinem Land auf Europa „loszulassen“. Dieses hat er bereits umgesetzt. Der Bürger darf gespannt sein, wann sich die EU-Funktionäre trauen, gegen Erdogan Maßnahmen zu ergreifen. (Armin Latell, Mannheim)

Info: zum Originalartikel