Leserbrief

Desinformiertes Pseudowissen

Zum Artikel „Wie können wir medienmündig werden, Herr Pörksen?“ vom 7. Juli:

Eine längst überfällige Debatte mit Herrn Pörksen – sympathisch eröffnet. Seine treffende Aussage: Die Bildungsdebatten über die digitale Gesellschaft sind visionsarm und floskelhaft, beschreiben den Ist-Zustand, der in der Tat keinen öffentlichen Diskurs über Werte zuzulassen scheint. Fakten spielen im Zeitalter der Digitalisierung eine untergeordnete, ja marginale Rolle. Stattdessen reden wir in einer stupiden Gelassenheit über die digitale Welt 4.0, die, folgen wir den sogenannten Bildungsstrategen, umgehend auch in der Schule eins zu eins Fuß fassen sollte. Unseren Kindern, ausgestattet mit Tablets, suggeriert es einzig, nur so ihre kognitiven Fähigkeiten für die Zukunft gestalten zu könnten.

Wohin führt es? Zu einer Konsumgesellschaft, die nicht mehr abstrahiert, sondern auf trivialem Niveau Bildung übt, ohne die medialen Quellen zu hinterfragen. Andere Meinungen, Auffassungen zur Relativierung in der Sache werden verdrängt. Nach dem Motto: Das wurde doch alles schon getwittert. Auf das Bildungssystem übertragen bedeutet dies, dass zunehmend unkritisch mit Botschaften umgegangen wird; nicht zuletzt dann, wenn sie uns aus opportunistischen Gründen eh zu passe kommen.

Die Werte in der Gesellschaft bleiben in diesem Kontext längst auf der Strecke. Es herrschen die profanen, simplen Äußerungen vor, die am Ende – ohne öffentlichen Streit in der Sache – zur Unmündigkeit führen. Fazit: Verrohung der Gesellschaft und Stärkung extremer Flügel. So wie eine gesunde Selbstkritik durchaus förderlich ist, sollte auch im Umgang mit der digitalen Welt, ein kritischer Blick gewagt werden. Wer vornehmlich den Sender bigott begleitet, verliert auf dem Weg in die Zukunft das Denkvermögen für die relevanten Fakten der Zeit.

In Bildungsdebatte einbringen

Gerade aber die Realität ist es, die demokratische Strukturen schafft oder erhält. Polemik trägt lediglich zu einem desinformierten Pseudowissen bei. Das gilt für die Gesellschaft, welches den Werteverlust per se impliziert. Bildungsdebatten müssen ergebnisoffen verlaufen, um das Kalkül des Paternalismus zu umschiffen, damit eine digital mündige Freiheit die zukünftige Gesellschaft prägt. Das bedeutet nicht, dass die digitale Welt außen vor bleibt, sondern als integraler Bestandteil den Menschen dienen darf.

Deshalb: Bringen wir uns ein in eine visionäre, aber werteorientiert Bildungsdebatte, die den paternalistischen Strömungen Einhalt gebietet – Journalisten wie Medienbürger sind gefordert, bevor unterschiedliche soziale Netzwerke die reale Welt endgültig erobert haben.

Info: Originalartikel unter https://bit.ly/2JfTi3t