Leserbrief

Deutschlandweite Schwerpunktpraxen

Zum Artikel „Umdenken gefordert“ vom 5. Oktober:

So so. Da fordert der Mannheimer Landtagsabgeordnete Stefan Fulst-Blei nun ein Umdenken hinsichtlich der Maskenpflicht an Schulen. Als Grund nennt er die steigenden Infektionszahlen. Hier liegt schon der erste Argumentationsfehler. Mir ist es schleierhaft, woher Herr Fulst-Blei wissen will, wer von den positiv Getesteten überhaupt infektiös beziehungsweise krank ist?

Bis dato wird für den Inzidenzwert zumeist leider nur ein positiver Testwert herangezogen. Weitere Parameter sind aber von Nöten, um die Infektiosität beziehungsweise Erkrankung eines Menschen überhaupt bestimmen zu können. Zum Beispiel der sogenannte Ct-Wert, also Zyklus-Schwellenwert. Ist dieser hoch, kann dies ein Indiz dafür sein, dass die Infektiosität gering oder gleich null ist.

Alles wieder lahmlegen

Ein zweiter Test könnte dann Klarheit darüber schaffen, ob der Ct-Wert höher oder geringer ist, auch wenn der Ct-Wert für sich genommen ebenfalls unzureichend ist, da die Tests nicht standardisiert sind und die verschiedenen Labore unterschiedliche Kriterien verwenden. Wenn das Virus darüber hinaus schon in die tieferen Atemwegsregionen vorgedrungen ist, kann ein PCR-Test unter Umständen gar nichts „Positives“ mehr finden, obwohl die Person vielleicht bereits schwerer erkrankt ist. Das heißt, wenn wir uns bei der Inzidenz wie derzeit nur auf reine „Fallzahlen“ berufen, werden wir aller Voraussicht nach in der bevorstehenden, kalten Jahreszeit recht schnell die „magischen“ Schwellenwerte von „35“ beziehungsweise „50“ überstiegen haben und müssten wieder alles lahmlegen.

Das Virus ist gekommen, um zu bleiben. Mein Vorschlag wäre von daher, nicht nur voller Angst auf die reinen Fallzahlen zu schauen, sondern diese genauer zu überprüfen, Stichwort Ct-Wert und Standardisierung der Tests. Darüber hinaus sollte genauer darauf geblickt werden, inwieweit sich das dann standardisierte Infektionsgeschehen überhaupt auf das Krankheitsgeschehen in Bezug auf Covid-19 auswirkt.

Keine eindeutige Evidenz

Hierzu könnte ein deutschlandweites System an Schwerpunktpraxen- beziehungsweise Kliniken hilfreich sein, ähnlich der schon unter anderem bei Influenzainfektionen vorhandenen Sentineleinrichtungen. Das heißt, weg von der sogenannten Containment-Strategie hin zum verstärkten Schutz vulnerabler Bevölkerungsgruppen. Es wäre sehr schön, wenn Politiker wie Herr Fulst-Blei sich auch einmal hierzu äußern würden, anstatt mehr schlecht als recht die zum „must have“ aufgestiegene „Alltagsmaske“ in Schulen zu propagieren. Bis heute gibt es keine eindeutige Evidenz dafür, dass diese Masken den Verlauf einer Pandemie allgemein und speziell an Schulen abgemildert haben. 

Swen Nußbaum, Mannheim

Info: Originalartikel unter https://bit.ly/3nOJcMK

Zum Thema