Leserbrief

Zum Artikel „Hier wird ein Teil der Identität Mannheims zerstört“ vom 9. November

Die Betonwalze rollt

So reagierten die Leser des Mannheimer Morgen auf den Artikel „Hier wird ein Teil der Identität Mannheims zerstört“ vom 9. November - einem Bericht zum offenen Brief der Kammergruppe der Architekten an die Politik.

Mannheim.Zum Artikel „Hier wird ein Teil der Identität Mannheims zerstört“ vom 9. November:

Seit Jahren schon schreibe ich mir die Finger wund, um auf die extreme Verdichtung mit Betonklötzen und den damit einhergehenden massiven Baumverlust in der City von Mannheim aufmerksam zu machen. Briefe an den Oberbürgermeister, Frau Kubala, den „MM“ und alle Parteifraktionen wurden meistens ignoriert. Was zählt auch die Meinung eines einfachen Bürgers?

Jetzt, wo sich Mannheimer Architekten dankenswerterweise mahnend an die Stadt wenden und die beängstigende Stadtentwicklung anprangern, fühle ich mich zwar bestätigt, aber was nutzt es? Die harten Fakten, die das Stadtklima verschlechtern, sind geschaffen oder werden gerade realisiert. Mannheim ist meine Heimatstadt und ihr galt mein Engagement.

Leider kommt die Einsicht immer erst, wenn’s schon zu spät ist. Die Baugenehmigungen sind alle erteilt, alte und gesunde (!) Bäume schon gefällt, oder eben demnächst (Sternwarte, Eisstadion, Schafweide). Bei der Kritik der Architekten an den Bebauungen Alter Messplatz/Schlosspark, die den Luftaustausch verhindern werden, haben sie vergessen, dass auch durch das Projekt Schafweide und vor allem Postareal die Innenstadt regelrecht von Frischluftzufuhr abgeschnürt wird.

Tja, die Weichen sind gestellt, die Betonwalze rollt. Vielleicht wird man in einigen Jahren, nach Platzen einer Immo-Blase, in Mannheim dann von der sechsten Stadtzerstörung sprechen, verursacht nicht durch Krieg oder Unwetter, sondern diesmal aufgrund irrlichterndem Anlagekapital, das nur eine Innovation(!) kennt, nämlich Betongold. Zur beängstigenden Stadtentwicklung gehören auch noch zwei Daten aus aktuellem Städteranking: Mannheim auf Platz 70 von 77 bei Städten mit geringstem Grünanteil, dafür aber Platz sechs von 50 beim Verdichtungsgrad von Städten.

Und was die Luftmessungen angeht: Eine Messstation im Grünen (Schönau) und eine am Friedrichsring. Ludwigshafen und Mainz messen wenigstens jeweils an drei Stationen. Ich hoffe, Politiker werden Verständnis haben, wenn man sich als engagierter Bürger abwendet, denn Tricksereien, Halbwahrheiten und Mauscheleien sind meistens das, was einem begegnet, statt gepredigter Bürgernähe und Transparenz. Diese städtische Fehlentwicklung war abzusehen und von allen beklatscht, Wirtschaftswachstum halt. Quo vadis, Heimatstadt? Karlheinz Sausbier, Mannheim

In Mannheim siedeln sich immer mehr Hotels an, was auch bedeutet, dass die Stadt für Besucher immer interessanter wird. Umso wichtiger ist es aber auch, Straßen und Plätze in der Zukunft so zu gestalten, dass hier vor allem Lebensqualität für Menschen und Natur vorherrschen soll.

Derzeit ist die Innenstadt von Autos belagert – Tendenz leider steigend, weil man sich weitgehendst hier nur als Einkaufsstätte verstehen will und sich vermutlich erst dann verändert, wenn sich Online-Einkäufe immer mehr verstärken. Was die alten Baumeister in Mannheim zustande gebracht haben, sollte auch ein Ansporn für künftige Stadtgestaltung sein. Und jeder Baum, der hier gefällt ist, schafft weniger Sauerstoffzufuhr, was in diesen Zeiten besonders in der warmen Jahreszeit mehr als notwendig ist. Manfred Fischer, Mannheim

Ganz herzlichen Dank an die Kammergruppe der Architekten für diesen Schritt! Die Fachleute haben in ihren offenen Briefen Fehlplanungen im Hinblick auf die „Bautätigkeiten“ der Stadtverwaltung dargelegt und mehr als nötige Kritik geäußert. Kritik wird unter anderem vor allem im Hinblick auf die Ausbaupläne der Universität und an der Bebauung am Alten Messplatz geübt.

Die Architekten gehen davon aus, dass die Umsetzung der Projekte katastrophale bioklimatische Auswirkungen haben werde, weil alter Baumbestand vernichtet und die Frischluftzufuhr unterbunden würde. Außerdem werde ein Teil der baulichen Identität Mannheims zerstört und all dieses widerspräche auch dem städtebaulichen Siegerentwurf von 2017. Berührt das die Stadtplaner? Es bleibt zu hoffen! Hoffnung besteht vielleicht auch noch im Hinblick auf die angedachte Bebauung Schafsweide. Die massiv verdichtete Bebauung des Glücksteinquartiers und der Konversionsflächen (Turley, Franklin) ist schon Tatsache.

Fazit: Die Denkanstöße und Einwände der Architekten sollten von der Stadtverwaltung ernst genommen werden und ein offenes Ohr finden. Gegenüber Kritik vonseiten der Bürger oder auch Bezirksbeiräten – an Planung im allgemeinen – zeigt sich die Verwaltung taub. Bürger dürfen Wünsche äußern, bei Workshops oder wie im konkreten Fall bei dem „Entwicklungskonzept Innenstadt“ mitarbeiten, aber letztlich entscheidet die Stadtverwaltung autoritär und lässt sich bei der Umsetzung ihrer Konzepte in der Regel nicht beeinflussen.

Konzepte der Vergangenheit, wie zum Beispiel freier Zugang zum Neckar oder der städtebauliche Siegerentwurf sind nicht mehr relevant, wenn es darum geht, jeden Quadratmeter Fläche zu bebauen beziehungsweise gewinnbringend zu vermarkten. Abschließend ist zu bemerken, dass es nicht überrascht, wenn sich trotz „ausgezeichneter Pläne“ bei der Entwicklung des Kaiserrings zum Stadtboulevard und bei der Gestaltung des Tattersalls nichts bewegt. Diese Baumaßnahmen verursachen Kosten und bringen nur im Hinblick auf die optische Aufwertung des Stadtbildes einen Gewinn.

Karola Seibel, Mannheim

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2TdjJNF

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