Leserbrief

Die hohe Kunst des Architektur-Respektierens

Zum Artikel „Alte Schönheit im Spiegel des Neuen“ vom 28. April:

Über Architektur ein Urteil zu äußern, ist stets gewagt. Spielt schließlich hier der Geschmack eine besonders große Rolle. Es gibt aber auch objektive Kriterien, über die man außerhalb einer Geschmacksdebatte sprechen kann, wie es im wohltuenden, oben genannten Artikel geschehen ist.

Warum bleiben aber nun viele Menschen gern vor einem Jugendstilhaus oder sogar vor einer klassizistischen Fassade stehen und begutachten sie eifrig, während sie meist an einem Haus mit Architektur der Moderne – nicht selten kopfschüttelnd – vorbeigehen? Ich glaube, es liegt vor allem daran, dass unser Auge an einer Hausfassade etwas entdecken möchte. Wird es mit Symmetrie erfreut und Detailreichtum, so verweilt sein Blick dort gern. Sieht es dagegen nur eher plumpe, einfache Formen und kahle Flächen, ist es gelangweilt. Langeweile – ein mächtiger Feind aller Kunst und Kultur – spielt auch in der Architektur eine Rolle. Heißt es doch „Architektur ist erstarrte Musik“, so hört man zu oft in unseren Straßen stets dieselbe Leier, derer man schon längst überdrüssig ist.

Obwohl nun auch das Mannheimer Nationaltheater ein Bau der 1950er Jahre ist, hört man bei der Betrachtung dessen Architektur auch außerhalb des Opernhauses eine angenehme Musik. Hier liegt es an den symmetrischen Formen, wohlbestimmten Proportionen, den stets von Zwischenräumen unterbrochenen Travertinflächen, die der Architekt Gerhard Weber gewählt hat. Zu entdecken, wo Innen und Außen des Hauses liegen, wie der Platz Teil des Ganzen ist, wie der in Travertin verkleidete Baukörper gleichsam über dem Platz schwebt – dies alles beschäftigt das Auge und macht ihm vor allem Freude. Es liegt aber auch – und hier ist der Theaterbau höchst empfindlich – an der ausgeprägten Schlichtheit der Formen und Materialien, die dem Gebäude besonders innen eine zurückhaltende Schönheit verleiht. Fast an der Grenze zur Selbstverleugnung. Hierbei gilt: Diese Schönheit durch Schlichtheit wird durch die kleinsten Eingriffe zerstört. Wie zum Beispiel ein nachträglich verbauter Halter für Leuchten oder Lautsprecher an Säulen, eine längst vergessene Installation hier und da, auch Werbebilder, so verständlich sie seien mögen. Diese zerstören letztlich die Architektur und achten sie nicht.

Dazu gehört auch, Materialien zu erhalten. Der grüne Velours, und zwar auch an den Handläufen, die dann aus hygienischen Gründen öfter zu wechseln sind, aber kein anderes Material, wie jüngst zu lesen war, ist hier vorstellbar. Ein Blick in die Festschrift zur Eröffnung des Hauses im Abschnitt zur Innenarchitektur hilft, zu verstehen.

Die Missachtung setzt sich insbesondere im unmittelbaren Außenbereich fort. So kann man nicht mehr wahrnehmen, dass Innen und Außen gleichsam verschwimmen sollen, wenn außen das Pflaster jahrelang mit Farbe verschmutzt bleibt (wohl in Folge einer „Aktion“) und zerstörte Bodenplatten innen wie außen nicht originalgetreu ersetzt werden.

Sensibilität im Innenbereich

Was den Innenbereich angeht, ist in letzter Zeit erfreulicherweise eine größere Sensibilität erkennbar, die auf den Umgang mit dem Bau während der Sanierung hoffen lässt. Im Fall des Gebäudes für das Nationaltheater gilt: Die hohe Kunst des Architektur-Respektierens, das heißt des bloßen rigorosen Erhaltens, ist am Ende die größere Managementaufgabe. Groß, aber unspektakulär. Diese sollten wir jedoch schätzen.

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2rt70tM