Leserbrief

Die Krux der Finanzmärkte

Zum Kommentar „Bitterböse Worte“ vom 23. Oktober:

Leider fügt sich Herr Drewes ein in die Reihen derer, die litaneiartig die bösen populistischen Entwicklungen in der EU geißeln. Nicht dass ich diese Entwicklungen gutheißen oder verteidigen will, aber die Frage nach dem Anteil der EU an diesen Entwicklungen muss erlaubt sein.

In seinem Kommentar greift Herr Drewes das Zitat: „irrwitzige Schlagwort ‚die EU ist Schuld’“ auf. Vielleicht ist die EU Schuld im Angesicht der hohen Arbeits- und Perspektivlosigkeit von Jugendlichen in manchen Mitgliedstaaten. Vielleicht ist die EU Schuld mit ihrer starken Ausrichtung auf die Interessen der Wirtschaft und mit ihrer Vernachlässigung der sozialen Frage. Später schreibt er: „Wirklich unmissverständlich sind die Reaktionen der Finanzmärkte“. Ganz so, als seien diese unabhängige, neutrale und dem Gemeinwohl verpflichtete Institutionen.

Wann haben sich die Finanzmärkte jemals für die Belange von betroffenen Menschen interessiert? Hält es Herr Drewes wirklich für gut, dass und wie die Finanzmärkte Politik bestimmen? Später fährt er fort: „Denn wenn Italien tatsächlich ins Straucheln kommen würde, ginge dies nicht ohne Beschädigung des Euroraums ab.“ Vielleicht war die Einführung des Euro in einem solch unterschiedlichen Wirtschaftsraum ein Fehler, zumindest wenn nicht gleichzeitig über einen Finanzausgleich der Mitgliedsstaaten nachgedacht wurde. Wie es sich gezeigt hat, passen sich die erzielbaren Preise innerhalb des Euroraumes sehr schnell an, die Löhne dagegen nicht.

„Die Stabilitätskriterien des Euro-Paktes waren nicht als bloße Orientierungspunkte gedacht, sondern als Grenzen“, führt er weiter aus. Kein Hinterfragen, wenn dies zur Verarmung vieler Menschen und zur Bereicherung weniger führt. An all dies verschwendet Herr Drewes keinen Gedanken. Wieder einmal haben die anderen Schuld und nicht die abgehobene EU. Kein Gedanke daran, warum es eine Kluft zwischen den europäischen Institutionen und den Menschen gibt, keine Frage, warum Europa bei den Menschen nicht ankommt.

Die Frage, warum europaweit, ja sogar weltweit, populistische Strömungen im Aufwind sind, scheinen viele einfach nur der Dummheit der Menschen zuzuschreiben und machen es sich damit zu einfach. Die vielen Problemfelder, um die sich niemand wirklich kümmert, weil die gefundenen Lösungen auf Kosten der unteren Gesellschaftsschichten angeblich alternativlos sind, machen sich Populisten zu eigen.

Und die anderen? Die sagen nach jeder Wahlschlappe: „Wir haben verstanden!“ und machen weiter wie bisher – alternativlos. Die global agierenden Konzerne werden geschont, weil man angeblich nur international handeln könne und dies eben seine Zeit brauche. Die Unterschichten, die Mittelschicht, die Jugendlichen zahlen dafür.

Das Erstarken populistischer Strömungen zeigt doch, dass im Zuge der Globalisierung Menschen abgehängt werden, ohne dass die Wirtschaft oder die Politik darauf angemessen reagieren. Da diese Menschen weder das Kapital noch die Strukturen haben, das zu ändern, nutzen sie die einzige Waffe, die ihnen noch geblieben ist: den Stimmzettel bei den Wahlen; sofern sie überhaupt noch wählen gehen.

Natürlich begünstigen politische Verhältnisse und strukturelle Probleme wie in Italien diesen Prozess. Doch nur mit Empörung und Fingerzeigen auf die dummen Wähler, die an unerfüllbare Wahlversprechen glauben, löst man weder deren Probleme, noch die existenzielle Krise der Demokratie. Zu lange hat man daran geglaubt, dass das Wirtschaftswachstum irgendwann auch einmal in den unteren Gesellschaftsschichten ankommt und dort zu Aufstieg und wachsendem Wohlstand führt. Nachdem dem nicht so ist, braucht es dringend und schnell echte Lösungen, noch bevor die „Problemjugendlichen“ zu „Problemrentnern“ werden.

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2APbUGA