Leserbrief

Die Menschheit wächst sich zu Tode

Zu den Leser-Reaktionen zur Debatte „Warum lohnt sich der Verzicht auf Kinder, Frau Brunschweiger?“ vom 30. März:

Es wird zu recht viel über Klimaschutz, Umweltschutz und so weiter gesprochen, geschrieben, demonstriert und diskutiert. Dabei wird ein ganz entscheidender Punkt weitgehend übersehen: Die Menschheit wächst sich zu Tode. Unter diesem Gesichtspunkt sollte man einmal über das Thema von Frau Brunschweiger nachdenken.

Bewusstseinserweiterung kann nie schaden. Schon seit längerer Zeit wird von Forschern darauf hingewiesen, dass nach heutiger Wachstumsgeschwindigkeit die Weltbevölkerung in 50 bis 60 Jahren sich nahezu verdoppelt auf bis 14 Milliarden Menschen – und das hört ja nicht auf. Es handelt sich zwar im Wesentlichen um die ärmeren Länder, aber die reichen westlichen Staaten kommen nicht ungeschoren davon.

Heute schon sind weltweit viele Millionen auf Flucht. In den nächsten 60 Jahren werden es Milliarden sein. Da bleibt kein Auge trocken. Wenn nur in Europa circa 200 bis 300 Millionen dazukommen, kann man sich unschwer ausmalen, was das bedeutet: Noch mehr Wohnungen (wir kommen heute schon nicht mehr nach), viel mehr Autos, dazu viel mehr Straßenbau, öffentliche Verkehrsbetriebe, es muss deutlich ausgebaut werden – und der Platz ist endlich. Noch mehr Staus sind programmiert. Kläranlagen, Müllverbrennung und Entsorgung.

Wir haben heute schon die größten Probleme: In nicht wenigen Touristenzentren wird nachts heimlich Abwasser ins Meer abgeleitet, Plastikmüll in den Meeren. Wie wird der massiv steigende Energiebedarf gedeckt? Kommen die Atomkraftwerke wieder? Wie erfolgt die Ernährung, durch genmanipulierte Lebensmittel? Weitere Abholzung der Wälder. Was ist mit den Ressourcen? Es klingt wie ein Witz: In den arabischen Emiraten muss zum Bauen der Sand aus Australien herangeschafft werden, weil der einheimische Sand nicht funktioniert. Selbst Sand wird knapp.

Alles was derzeit für die heutigen Bedürfnisse geplant und durchgeführt wird, ist spätestens in 20 bis 30 Jahren Makulatur. Wenn nichts geschieht, ich wiederhole mich, auch wenn es provokant klingt: Die Menschheit wächst sich zu Tode. Aber vielleicht kennen die Herrschaften, welche derzeit heftig Frau Brunschweiger kritisieren, die Lösung. Wenn ja, sollten sie diese schnellstens veröffentlichen.

Nachdem ich im „Wochenende“ die vielen empörten Leserbriefe zu diesem aus meiner Sicht sehr interessanten und zu Denkanstößen auffordernden Beitrag gelesen habe, packt mich die Empörung über so viel undifferenziertes Denken vieler Leser. Offensichtlich sind sich diese Menschen nicht wirklich über den Zustand unserer Welt im Klaren, sonst würden sie vielleicht mal darüber nachdenken, ob sie den Kindern, die derzeit geboren werden, tatsächlich einen Gefallen damit tun oder was diese Kinder wohl für eine Zukunft haben.

Eigene Kinder zu bekommen ist auch manchmal Egoismus. Da muss ich der Verfasserin durchaus recht geben, dass es nämlich schon genug Kinder auf der Welt gibt, die man durch eine Adoption glücklich machen könnte und die schon da sind.

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2JVVQtj