Leserbrief

Die Probleme sind zu vielschichtig

Zum Debattenbeitrag „Warum sollten wir alle länger arbeiten, Herr Hagelüken?“ vom 3. August:

Der Schwerpunkt von Hagelükens Überlegungen liegt einseitig auf den Älteren. Auf den Menschen, die den Jüngeren, wie er betont, nicht alles aufbürden sollten. Dabei wird unter-drückt, dass seit mehr als dreißig Jahren das Leben dieser Jüngeren, verglichen mit vorangegangenen Generationen, großzügiger denn je verlief!

Leistungsträgern, die über Jahrzehnte erwerbstätig waren, heute zu suggerieren, dass nur mit längerem Arbeiten die umlagefinanzierte Rentenversicherung final lösbar sei, ist schlichtweg verzerrt. Künftig müssen wir bis 67 arbeiten. Skandinavien und die Niederlande als Beispiele zu skandieren, entbehrt – alleine schon wegen Nichtvergleichbarkeit der Anspruchsberechtigten, der Drei-Säulen-Systeme – jeglicher Grundlage.

So profan ist es nun mal nicht. Die Probleme sind zu vielschichtig, um sie in der kurzen Debatte passabel zu beleuchten. Richtig ist: Die Zahl der älteren Menschen nimmt zu. Ausreichende Ernährung, komfortable medizinische Versorgung und sinkende körperliche Belastungen, spielen im Wesentlichen eine Rolle – unabhängig von genetischen Voraussetzungen.

Auf der anderen Seite steigt der psychische Druck, den die Arbeitswelt – es ist die unschöne Seite des digitalen Fortschritts – bereits für die Zukunft im Gepäck mit sich führt. Insofern darf die Frage, warum wir länger arbeiten sollten, nicht ausschließlich an die älter werdende Gesellschaft geknüpft werden. Es muss, unabhängig monetärer Sichtweisen, der Würde des Alters bedacht werden. Wer 40 Jahre plus x nachweisen kann, sollte keinesfalls der Alimentation zum Opfer fallen. Die Lebenskosten steigen, die Renten bloß minimal – eine Fahrt ins Ungewisse!

In den Niederlanden wird bis 65 gearbeitet und Rentner erhalten mindestens 100 Prozent des letzten Monatseinkommens als Altersversorgung. Bereits mit 61 kann Rente beantragt werden. Diese Wahlmöglichkeit beinhaltet auch, dass Menschen über 65 hinaus arbeiten können, was deren Rente entsprechend erhöht. Folglich: ein elementarer Unterschied zum Modell Hagelüken! Bei allen Überlegungen verschweigen wir: Versicherungsfremde Leistungen plündern die Rentenkasse.

Es begann mit dem Wiedervereinigungsprozess. Die Rentenversicherung wurde sofort auf die neuen Länder übertragen. Seitdem wird dem Bürger vermittelt, die Finanzstabilität sei einzig durch einen deutlich erhöhten Bundeszuschuss ab 1990 ermöglicht worden; es trifft allerdings so nicht zu.

Warum? Im Zuge mehrerer Rentenreformgesetze wurden Leistungen beschnitten. Elemente, die unabhängig von der Demografie negative Auswirkung auf die Rentenempfänger hatten und haben werden. Bei allem: Es trifft nicht zu, dass ausschließlich Daten die Finanzlage der Rentenversicherung bestimmen. Nein. Arbeitsmarkt und Beschäftigungslage sind im Wesentlichen ein Korrektiv des wildwuchernden, unausgewogenen Systems.

Bei allen Analysen wird ein Faktor verdrängt: Es sind vorwiegend die Älteren, die später einen hohen gesellschaftlichen Anteil leisten – im Ehrenamt oder durch die Unterstützung der Kinder und Enkelkinder. Wenn dies kein gesellschaftlicher Wert sein soll, was dann? Bei solchen Debatten wird nie von Beamten, Politikern und Freiberuflern gesprochen! Nichtbetroffene treffen Entscheidungen, bemängeln aber das System.

PS: Spätestens in zehn Jahren werden Arbeitsplätze, in denen länger gearbeitet werden sollte, nicht mehr existieren. Mit signifikant weniger Beschäftigten wird die Arbeitswelt der Zukunft auskommen – Künstliche Intelligenz hat noch manche Überraschung im Gepäck. Eine längere Lebensarbeitszeit erledigt sich dann von selbst – zumindest für die Mehrheit der Bevölkerung.

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2KNUDkK