Leserbrief

Diskussion über Werte und Moral dringend nötig

Zum Artikel „Respekt: Oft gefordert – und immer seltener gezollt“ vom 3.1.:

Es ist meiner Meinung nach dringend nötig, dass Ihre Zeitung dieses Thema aufgreift. Was wir brauchen, ist eine Wiederbelebung der Diskussion über Einstellungen, Werte und Moralvorstellungen.

Tatsächlich hat sich das gesellschaftliche Leben in den letzten Jahren vor allem in den Großstädten verändert. Über den fehlenden Respekt breiter Teile der Bevölkerung gegenüber Polizisten, Rettungssanitätern, Ärzten, Pflegepersonal, Lehrern und Politikern ist fast täglich in den Printmedien zu lesen. Wie kommt es aber zu dieser schleichenden Veränderung, die heute immer bedrohlicher erscheint? Im Artikel bereits erwähnt, hat sich eine Kultur breitgemacht, die das Individuum vor die Gemeinschaft stellt.

Aber ist dies nicht genau das, was uns schon seit einigen Jahrzehnten von Politik und Wirtschaft gepredigt wird: Der strategisch denkende homo oeconomicus, der in Konkurrenz zu anderen nur für wertvoll hält, was sich ökonomisch rechnet. Ist eine Konsequenz davon nicht, dass wir immer öfter auf Zeitgenossen treffen, die sich selbst extrem wichtig nehmen und denen es schwerfällt, sich an allgemeine Regeln des Miteinanders zu halten? Vernebeln uns nicht die Werbebranche und die Medien kontinuierlich den Geist, um willige Individuen zu produzieren, die nur noch als Konsumenten eine soziale Identität finden?

Offen ansprechen

Der Respekt vor Autoritäten aber auch die Solidarität und Toleranz untereinander finden in solchen Gesellschaften weniger Raum. Werden nicht auch immer mehr einst staatlich geschützte Bereiche wie das Gesundheitswesen, Universitäten, Schulen, Polizei, Justiz und nicht zuletzt der Wohnungsmarkt marktkonformer Logik geopfert?

Den Preis dafür bezahlen wir heute. Er zeigt sich in staatlichen Institutionen, die ihre Aufgaben nicht mehr bewältigen können. Er zeigt sich in Respektlosigkeit, in psychischen Auffälligkeiten und destruktiven Verhalten in der Bevölkerung. Er zeigt sich aber auch in dem rasanten Aufstieg der AfD. Es ist an der Zeit, den Mut aufzubringen, dies offen anzusprechen.

Hansjörg Hartwich, Mannheim

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