Leserbrief

Leserbrief Zu „Spahn punktet mit . . .“ (FN, 7. Juni)

„Drakonisches Regime“

In der Bundesrepublik grassiert das Märchen, dass gesetzlich Krankenversicherte schlechter behandelt werden als Privatversicherte. Begründet wird diese unseriöse Feststellung damit, dass gesetzlich Versicherte länger auf einen Arzt- beziehungsweise Facharzttermin warten müssen als Privatversicherte.

Gibt es dafür eine Erklärung? Kassenärzte unterliegen dem drakonischen Regime der sogenannten Kassenärztlichen Vereinigungen, die nicht etwa Ärztegewerkschaften sondern Aufsichtsbehörden sind.

Jedem Kassenarzt wird ein sogenanntes Regelleistungsvolumen zugewiesen. Das bedeutet eine Maximal-Patienten-Anzahl pro Quartal. Wenn also beispielsweise ein Neurologe als Regelleistungsvolumen 1200 Patienten in einem Quartal, also in 90 Tagen, behandeln darf, und er hat bereits nach 60 Tagen 1200 Patientenkontakte gehabt, dann ist es für ihn wirtschaftlich nicht sinnvoll, weitere Kassenpatienten in den folgenden vier Wochen zu versorgen, weil er quasi umsonst arbeiten müsste.

Der Arzt wird sie deshalb auf das nächste Quartal verweisen, und so entstehen die langen Wartezeiten.

Da bei Privatpatieonten jede ärztliche Leistung als Einzelleistung, unabhängig vom Erbringungszeitpunkt, vergütet wird und keine Budgetierung eingeführt ist, erhält selbstverständlich jeder Privatpatient weiterhin seinen Vorstellungstermin!

Die Schuld an den unerfreulichen Wartezeiten für gesetzlich Versicherte tragen also nicht die Kassenärzte, sondern die Krankenkassen oder die Kassenärztlichen Vereinigungen und der Gesetzgeber.

Es ist mir unverständlich, warum es seriösen Ärzteverbänden nicht gelingt, diese falsche „Schwarze-Peter-Zuweisung“ in der Öffentlichkeit zu korrigieren.