Leserbrief

Drei Probleme auf einmal reduziert

Zum Thema Kunststoffrecycling:

Ein knappes Gut möglichst lange zu verwenden, ist sinnvoll. Deshalb recycelt man sogar elektronische Platinen, um zum Beispiel das Gold der Kontakte wieder zurückzugewinnen.

Das Holz eines kaputten Stuhls für einen neuen zu verwenden, erscheint hingegen in den meisten Fällen weniger sinnvoll. Da verbrennt man besser den alten Stuhl, wenn er kaputt ist und gewinnt daraus Energie und baut den neuen Stuhl aus frischem Holz.

Ein Drittel weniger CO2

Nicht nur die Herstellung des neuen Stuhles wird dadurch leichter. Es ist nämlich davon auszugehen, dass der neue Stuhl eine andere Form haben wird als der alte kaputte. Auch die CO2-Bilanz wird besser.

Würde man nämlich die gleiche Energie, die durch das Verbrennen des kaputten Holzstuhls gewonnen wird, durch Verbrennen von fossilen Rohstoffen gewinnen wollen, dann würde man den CO2-Gehalt der Atmosphäre erhöhen. Holz hingegen lässt sich sogar CO2-neutral verbrennen.

Ähnlich verhält es sich, wenn man Kunststoff verbrennt anstatt zu recyceln. Die CO2-Bilanz zeigt nämlich, dass rund ein Drittel weniger CO2 entsteht, wenn man Kunststoff nicht recycelt, sondern als Kohlezusatz in Kohlekraftwerken verbrennt.

In diesem Fall kann ein Teil der Kohle unter der Erde verbleiben. Das liegt daran, dass Kunststoff wesentlich mehr Wasserstoff enthält als Kohle. Außerdem lässt sich Kunststoff wesentlich sauberer verbrennen als Kohle.

Das gilt nicht für jeden Kunststoff, aber für alle, aus denen man zum Beispiel Einkaufstaschen, Trinkbecher oder Trinkflaschen macht. Auch sind nicht alle Kohlekraftwerke für die Mitverbrennung von Kunststoffen geeignet. Dies ließe sich in vielen Fällen jedoch ändern. Und es wird ein Sammelsystem benötigt, das Kunststoffabfälle in zwei Kategorien unterteilt: in thermisch verwertbare und nicht verwertbare.

Langwieriger Kohle-Ausstieg

Die gleiche Trennung ist aber auch notwendig, wenn man Kunststoff recyceln möchte. Beim Recyceln wird der Kunststoff meist bei hohen Temperaturen wieder zu Rohbenzin (Naphtha) zerlegt und durchläuft anschließend wieder die gleichen Verarbeitungsschritte wie Kunststoff aus frischem Erdöl.

Will man aus Altkunststoff ohne thermisches Zerlegen (Cracken) vollwertigen, neuen Kunststoff machen, dann geht das nur mit sortenreinem Kunststoffabfall und auch nur für einen Teil der Kunststoffe. In jedem Fall ist dann aber die Sammellogistik wesentlich aufwendiger.

Jetzt lässt sich natürlich einwenden: Aber wir wollen doch die Kohlekraftwerke abstellen. Ja, stimmt! Das wird aber noch lange dauern. Zur Zeit sind neben den bestehenden Kohlekraftwerken weltweit noch mehr als 1000 neue in Planung oder im Bau.

Hinsichtlich der Verunreinigung der Umwelt mit Mikroplastik lässt sich einwenden, dass man doch besser nur biologisch abbaubaren Kunststoff erzeugen sollte. Das wäre aber bezüglich der CO2-Bilanz äußerst dumm. Der biologische Abbau ist nämlich eine kalte Verbrennung. Das heißt, beim biologischen Abbau wird genauso viel CO2 in die Atmosphäre emmitiert, wie wenn man den Kunststoff in einem Kraftwerk verbrennt – nur lässt sich beim biologischen Abbau keine Energie gewinnen. Dafür müsste man dann wieder mehr Kohle, Öl oder Erdgas fördern und verbrennen.

Lebensweg entscheidend

Um das Mikroplastikproblem zu reduzieren, könnte dann aber vielleicht folgender Weg helfen: Kunststoff hat einen Heizwert von fünf bis zehn Cent pro Kilogramm. Das ist wahrscheinlich zu wenig, um in reichen Ländern Menschen dazu zu bewegen, weggeworfenen Kunststoff einzusammeln, so wie manche es tun, indem sie Abfalleimer durchwühlen, um mit gefundenen Pfandfalschen etwas Geld zu verdienen. Vielleicht wäre das aber ein Ansatz für arme Länder. Im Erfolgsfall hätte man damit drei Probleme auf einmal reduziert: CO2, Umwelt und Armut.

Fazit: Kunststoff kann, muss aber nicht Sünde sein. Es hängt allein von seinem Lebensweg ab. Was nach heute gängiger Meinung gut ist – nämlich recyceln oder biologisch abbauen – führt aber eher zur (CO2-) Sünde. (von Otto Machhammer, Mannheim)

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