Leserbrief

Dunkelster Materialismus

Zum Artikel „Leben ohne Kinder – Buch heizt Debatte an“ vom 14. März:

In unserem Bekanntenkreis gibt es selbstverständlich Paare ohne Kinder – aus den verschiedensten Gründen. Aber so eine Absurdität, wie Frau Brunschweiger sie zur Zeit verkündet, hat man noch nicht gehört. Wenn sie in ihrem Buch im Ernst schreibt, dass Kinder „das Schlimmste sind, was man der Umwelt antun kann“– wegen der CO2-Bilanz –, dann hat sie eine abscheuliche Perversion vollzogen.

Mit dieser Formulierung wird so nebenbei die Grundüberzeugung von Wert und Würde des Menschen gekippt, die eine fast 3000-jährige Entwicklung auf uns gebracht hat: von der Bibel etwa über die Renaissance-Philosophie bis zum Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Menschenverachtende Ansichten und Handlungen gab es und gibt es in unserer Geschichte immer, und das schlimmste Beispiel einer realen Ausführung haben wir in naher Erinnerung. Aber es erstaunt und macht traurig, dass eine solche Einstellung aus dem wohlsituierten bildungsbürgerlichen Milieu des bayerischen Regensburg in die Öffentlichkeit getragen wird.

Kinder statt Müll

Frau Brunschweiger scheint sich in ihrem Buch (ich werde es nicht lesen) zwar als Feministin darstellen zu wollen, aber nach dem Inhaltsverzeichnis gehört dieser perversen These von der Schädlichkeit des Kinderkriegens das letzte Drittel. Wieso werden dem Bericht über dieses Buch im „MM“ noch Studien und Statistiken beigefügt? Was können sie interessieren, wenn es in der Diskussion um die Ungeheuerlichkeit der These geht, dass Kinder, also Menschen, weniger wert seien als eine intakte Umwelt? Für wen sollte die Natur denn in Ordnung sein, wenn nicht für gesunde Kinder, für Menschen eben?

Kinder in über 100 Ländern der Erde demonstrieren für eine entschiedenere Umweltpolitik! Wäre es nicht doch besser, ein oder zwei Kinder in die Welt zu setzen, die gut erzogen und gebildet sich wie viele andere für eine bessere Klimapolitik einsetzen, statt uns und die Umwelt (Papier, Wasser, Müll) mit diesem unsäglichen „Manifest“ zu belasten? Wert und Unwert von Menschen an materiellen Verhältnissen zu messen – ja, das ist menschenverachtend, das ist dunkelster Materialismus, das ist Nihilismus. Das Buch einer Autorin, die derart frei von Problembewusstsein und Kompetenz ist, haben wir nicht gebraucht. Paul Puhl, Mannheim

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2OubFpJ