Leserbrief

EEG hat Gesellschaft gespalten

Claudia Kemfert führt in ihrem Beitrag zu Recht an, dass der Klimawandel Privathaushalte belastet und Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft ausgelöst hat. Leider versteigt sie sich zu der kühnen Aussage, clevere Stromanbieter würden die an der Strombörse gesunkenen Preise nicht an den Endverbraucher weitergeben.

Nur am Rande erwähnt sie den eigentlichen Verursacher unserer extrem hohen Strompreise, nämlich das vor 20 Jahren in Kraft getretene Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Das EEG trägt planwirtschaftliche Züge und nimmt keine Rücksicht auf physikalische Gesetzmäßigkeiten. Es räumt der Einspeisung des Stroms aus erneuerbaren Energiequellen Vorrang rund um die Uhr bei einem für 20 Jahre garantierten Abnahmepreis ein, unabhängig davon ob das Netz den Strom aufnehmen kann oder nicht.

Die Volatilität der Erneuerbaren führt immer wieder zu Zeitspannen, in denen ein Überangebot den Strompreis an der Börse negativ werden lässt. Der überschüssige Strom wird dann an das Ausland verschenkt und gelegentlich eine zusätzliche Prämie für die Abnahme gezahlt. Der Ausgleich des dadurch entstandenen Defizits erfolgt über die EEG-Umlage, die jährlich neu berechnet, und als Bestandteil des Strompreises dem Verbraucher in Rechnung gestellt wird.

Es gehört zu den Eigenarten des EEG, dass immer dann, wenn der Strompreis an der Börse sinkt, dem Verbraucher höhere Kosten drohen. Als maßgeblicher Mitinitiator des EEG bezifferte der damalige Umweltminister Trittin noch im Juli 2004 die Mehrkosten der Erneuerbaren für einen durchschnittlichen Haushalt auf monatlich eine Kugel Eis. Seither sind 16 Jahre vergangen, in denen zwar die extrem hohen Vergütungen für Strom aus Solar-, Wind- und Biogasanlagen abgeschmolzen wurden, an den Webfehlern des EEG aber keine umfassenden Korrekturen erfolgt sind.

Der Strompreis hat sich mehr als verdoppelt, die EEG-Umlage ist von 0,19 Cent pro Kilowattstunde (ct/kWh) auf heute 6,76 ct/kWh angestiegen und macht seit sechs Jahren etwa 25 Prozent des Strompreises aus. Die preistreibende Wirkung des EEG ist im Lockdown der Corona-Krise besonders deutlich geworden. Die eingebrochene Stromnachfrage, längere sonnige Hochdruckphasen und stürmische Winde haben nach Meldungen der Bundesnetzagentur in den ersten dreieinhalb Monaten dieses Jahres den Strompreis an der Börse bereits für 147 Stunden ins Negative absinken lassen.

Stromrechnung nicht zu bezahlen

Am Ostermontag fiel der Preis für die Kilowattstunde temporär auf minus 78,15 Cent. Der Energieberater Enplify geht heute von einer Anhebung der EEG-Umlage auf 8,25 ct/kWh für 2021 aus. Die gesunkenen Strompreise sind bei den Bürgern nicht ankommen und viele können ihre Stromrechnung nicht bezahlen.

Das EEG hat die Gesellschaft gespalten. Auf der einen Seite stehen die Haushalte, auf deren Schultern die Last der Energiewende ruht. Auf der anderen Seite erfreuen sich Privilegierte, die sich die Produktion von Ökostrom leisten können, über 20 Jahre sorglos an den Segnungen des EEG. Das Ganze gleicht einer Umverteilung von unten nach oben, bei der die soziale Gerechtigkeit unter die Räder geraten ist. Lars Fabritius, Mannheim

Originalartikel unter https://bit.ly/3eW5bNf