Leserbrief

Ein Umweltverbrechen, unterstützt durch Feigheit

Zum Artikel „So viel Müll wie noch nie“ vom 5. Januar:

Tut mir leid, aber das ist wieder einmal so eine Statistik, der man die Unseriosität schon von weitem ansieht. Was ist hier die Grundlage für die alarmierende Behauptung, dass Deutschland auch pro Kopf Europameister in der Produktion von Verpackungsmüll (Kartonagen, Papier, Folien, Kunststoffverpackungen, Blechdosen etc.) sei? Zum gemessenen Verpackungsmüll: messen kann man ihn nur, wenn er getrennt gesammelt wird. Wird er überall in Europa getrennt gesammelt? Ganz und gar nicht.

Keine Luft-Statistik heranziehen

Ein Müllsammelsystem wie den Gelben Sack gibt es in einigen Ländern Europas überhaupt nicht. In anderen Ländern, wie zum Beispiel in Italien, funktioniert es nicht; in wieder anderen Ländern wird der Verpackungsmüll (mit Ausnahme von Metall) absichtlich dem Restmüll beigemischt, weil dann die Müllverbrennungsöfen besser funktionieren. Eines der wenigen Länder, wo das Trenn- und Sammelsystem funktioniert, ist Deutschland.

Was also wird hier gemessen? Der Erfolg unseres Gelben Sack-Systems. Ohne Zweifel produzieren wir alle – gerade auch Industrie und Handel – viel zu viel Müll. Nur: Wenn man das mit anderen Ländern vergleichen will, sollte man nicht solche Luft-Statistik heranziehen oder sie zumindest mit einem sehr kritischen Fragezeichen versehen. Manfred W. Hellmann, Viernheim

In der Tat hat der Verpackungswahnsinn zugenommen. Das fing schleichend an und die nackten Zahlen belegen das Ausmaß. Da lese ich, dass die Grünen eine Kleine Anfrage wagten. Wozu nennen sie sich die Grünen-Partei? Sie müssten gegen den Wahnsinn Sturm laufen.

Unsere Meere sind voll mit Plastikmüll. Es wurden große Verbrennungsanlagen gebaut. Warum wird der Inhalt der Gelben Säcke nicht verbrannt? Leider kann sich der Verbraucher gar nicht dem Verpackungswahnsinn widersetzen.

Wir sind kein Land von Tante Emma-Läden. Überall übernehmen die Versorgung die großen Supermarktketten. Alles ist dort doppelt und dreifach verpackt.

Wir leben nicht mehr wie 1959, wo man mit einem irdenen Töpfchen Marmelade aus dem Fass einkaufte, das Sauerkraut in Zeitungspapier gewickelt wurde, der Milchmann klingelte und jeder seine Kanne mit Milch auffüllen ließ. Die Müllabfuhr kam nur einmal im Jahr, weil alles im Herd oder Ofen verbrannt wurde.

Wir Deutschen sind ja noch viel schlimmer: Wir sind reisewütig und nehmen den Einheimischen in den sonnenverwöhnten Reisezielen das Trinkwasser weg. In der Tat ist das Allinclusive-Angebot auf den Kreuzfahrtschiffen verschwenderisch unschön. Aber ist es nicht der Preis-Leistungskampf um Reisegäste, der diesen unverzeihlichen Überfluss nährt?

Der Trend, in den Süden zu reisen, war schon immer magisch. Wir sind ein sonnenarmes Land. Die lange, dunkle und graue Zeit scheucht die Menschen im Sommer in den Süden. Sie wollen die Garantie haben, wenigstens während ihres Urlaubes Sonne zu tanken. Das Dilemma ist, die einen haben die Sonne, und wir den Regen, und meist auch noch einen verregneten Sommer. Da kann man sich sonst was einreden: Sonne macht einfach glücklich.

Machen Sie also Kampagne gegen das Anspruchsdenken und den Grünen Beine, gegen den Verpackungswahnsinn vorzugehen. Wozu ein Umweltministerium, wenn es alles schleifen lässt? Man engagiert sich doch sonst für jede Kröte und Fledermaus. Der Verpackungswahnsinn ist ein Umweltverbrechen, unterstützt durch Feigheit. Giesela Koch, Mannheim

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2mlwqq6