Leserbrief

Eine, nur eine, Nation bleibt unter sich

Zum Leserbrief „Nationen bleiben unter sich“ vom 31. Juli:

„Nationen bleiben unter sich“, wie Jutta Hagen in ihrem Leserbrief schreibt, ist bei der Mannheimer Situation – und um die geht es doch – wohl eher im Singular als im Plural zu verstehen. Zur Untermauerung ihrer Meinung bedient sie sich leider allerlei Klischees.

Sie schreibt von den 1960/70 Jahren. Es gab Arbeit, man verdiente Geld und der Wohlstand nahm nach entbehrungsreichen Kriegsjahren zu. Die Häuser in besagten Stadtvierteln, die aus der Gründerzeit stammen, konnten nach und nach modernisiert werden. Mit Bad. Mit Heizung. Besitzer waren aber immer noch die Kriegsgenerationen.

Nicht selten waren das Witwen, die ihre Männer im Krieg verloren hatten, Kinder alleine großzogen und die damals kaum eine Erwerbsmöglichkeit hatten. Diese Generation musste sich oft bis zum Ende ihres Lebens verschulden, um investieren zu können, wenn der Dachstuhl abgebrannt, die Fassade oder ganze Räume durch Kriegseinwirkung beschädigt waren. Bäder, Heizungen, das war in dieser Zeit für alle Bürger kein Standard, sondern ein Wohlstand und nur in Neubauten zu haben. Aber diese privaten Eigentümer halfen mit, wieder Wohnraum zu schaffen und vergaben somit Arbeit an viele Handwerker. Im Jungbusch, der Filsbach. Und auch in anderen Stadtteilen, wie in der Schwetzingerstadt, wo heute der Mix von unterschiedlichen Nationen und vielfältigen Angeboten das Leben pulsieren lässt.

Luxusmieten im Hafenviertel werden vielleicht jetzt verlangt. Damals gab es eine Zwei-Zimmer-Wohnung für 80 D-Mark Monatsmiete. Bevor Jutta Hagen den Unsinn verbreitet, dass „Deutsche Vermieter Unsummen kassierten“, sollte sie sich bitte umhören, nachfragen, recherchieren. Mit dem Wohlstand, da hat sie recht, kamen die Gastarbeiter. Aber die Deutschen haben doch deshalb ihre Arbeit nicht gekündigt. Sie blieben bei der Müllabfuhr oder auf dem Bau, genau wie heute.

Läden alle aufgegeben

Italiener kamen zuerst, dann Spanier, Portugiesen oder Griechen und Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawen. Die meisten blieben und holten Familien nach. Richtig. Aber wo ist deren „Viertel“? Die Antwort muss Jutta Hagen noch geben. Viele dieser „Gastarbeiter“ haben im Jungbusch, der Filsbach oder rund um die dortigen Quadrate gewohnt und eingekauft; bei den Metzgern, Bäckern, Milchläden, den Lebensmittel- und Haushaltswarengeschäften. Aber leider sind diese Läden alle aufgegeben.

Denn, das sieht auch Jutta Hagen: Es ist ein neues Quartier entstanden. Ein türkisches. Das sich mit eigener Ware, eigener Kleidung, mit eigener Werbung und eigener Sprache abgrenzt. In den E-K Quadraten, in der Breiten Straße, auf dem Marktplatz. Und während andere Städte mit ihren Marktplätzen und Barockgebäuden werben, sich dort rund um die Brunnen Cafés, Konditoreien, Geschäfte mit internationalem Angebot und Souvenirläden ansiedeln, gibt es bei uns nur Grills. Deshalb der Singular, Frau Hagen: Eine, nur eine Nation, bleibt unter sich!

Klaus Haibt, Mannheim

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