Leserbrief

Einem Kind ist zu verzeihen...

Zum Leserforum „Sarotti-Mohr weiter emotionales Thema“ vom 21. März:

Gefreut hat mich der Brief von Frau Janina Ries, dem ich – fast – nur zustimmen kann. Ich selbst bin schon 76 Jahre alt und habe die Nachkriegszeit noch sehr bewusst erlebt. Als Kind glaubte ich den Erwachsenen, dass das deutsche Volk von den Alliierten besiegt und besetzt wurde.

Ende der 1960er Jahre hatte ich das große Glück noch Nazigegner, die ihre KZ- oder Gefängnishaft überlebt hatten, kennenzulernen. Die wahren Helden des deutschen Widerstandes öffneten mir damals die Augen über den Charakter des Nazistaates und der Befreiung durch die Alliierten. Nun zum Brief der Frau Ries. Nein Frau Ries, es ist nun wirklich nicht schwer, mit der Zeit zu gehen, weder als älterer Mensch, noch als Junger. Es soll auch 20-Jährige geben, die mit dem Geist eines Greises geboren wurden. Haltung ist folglich keine Frage des Alters. Ich stimme also mit dem Brief von Frau Ries völlig überein, bis auf den letzten Satz.

Nein, der Sarotti-Mohr darf nicht verschwinden, auch nicht in einem Museum versteckt werden! Ohne dieses rassistische Werbeschild mit den Verbrechen der Nazis gleichsetzen zu wollen: Wir haben weder Buchenwald, Sachsenhausen oder Auschwitz verschwinden lassen, im Gegenteil, wir haben diese Stätten der schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte bewusst als Mahnmal erhalten um folgende Generationen vor dem Vergessen zu bewahren. Und genauso sollte mit dem Sarotti-Mohren verfahren werden. Er muss im Capitol bleiben. Allerdings nicht kommentarlos, sondern vor allem als Mahnmal gegen das Vergessen des alltäglichen Rassismus, auch noch in unserer heutigen Zeit, wie die vielen Leserbriefe anschaulich beweisen.

Denkmal gegen Rassismus

Macht ein eindeutiges Denkmal gegen den Rassismus, der gegenwärtig weltweit eine Auferstehung zu erleben scheint, zumindest aber wieder frech in die Öffentlichkeit geht. Zeigt, dass dieser Sarotti-Mohr, als Sinnbild für die unterworfenen Völker in den Kolonien, die uns unterwürfig als Lakaien zu dienen hatten, geschaffen wurde. Einem Kind ist zu verzeihen, wenn ihm Schokolade wichtiger ist, als die dahinter stehende Geschichte. Aber ein Erwachsener der immer noch wie das Kind denkt, der hat doch wohl niemals etwas dazu gelernt. Die große Zahl der Leserbriefschreiber, die partout keinen Rassismus im Sarotti-Mohren sehen wollen, wird das alles natürlich nicht überzeugen, wenn dann aber nur ein einziger Besucher darüber nachdenkt, hätte sich der Aufwand schon gelohnt.

Walter Hagen, Heddesheim

Info: Originalartikel unter https://bit.ly/2XeXZVT