Leserbrief

Erinnerungskultur an Juden ist Verpflichtung

Zum Kommentar „Große Verpflichtung“ vom 1. Februar:

Werner Kolhoff ist unbedingt zuzustimmen, wenn er es als große Verpflichtung für Staat und Gesellschaft bezeichnet, die Erinnerungskultur an die Judenvernichtung im Dritten Reich nicht nur zu pflegen, sondern gerade in den Schulen zu verstärken, weil das Bewusstsein hierzu vor allem in den jüngeren Altersgruppen im Abnehmen begriffen ist.

Seine Beschreibung greift allerdings zu kurz. Nicht nur rechtsextreme Ideologen vertreten antisemitische Positionen. Antisemitismus ist auch bei islamischen Zuwanderern verstärkt zu beobachten, aber auch bei bereits seit längerem hier lebenden Muslimen weit verbreitet.

Antisemitismus in der Linken

Im vergangenen Sommer artikulierten auf einem Berliner Pop-Festival Aktivisten der BDS-Bewegung (=Boykott, Divestment, Sanctions) ihre Feindschaft gegen den Judenstaat. Antisemitismus, genauer Antizionismus, zeigt sich schon seit längerer Zeit in der Kulturszene. Und bereits seit 1967 im Zuge des Sechs-Tage-Krieges hat die westdeutsche Linke offensichtlich antisemitische Positionen bezogen.

Nach einer Studie der FU Berlin haben 34 Prozent der Linksextremen und 13 Prozent der Linksradikalen zugestimmt, dass Juden in Deutschland „zu viel Einfluss“ hätten. Die Partei Die Linke plagt sich schon lange Jahre mit antisemitischen und antizionistischen Strömungen in ihren Reihen. Die heutige Linke wirft Israel vielfach Rassismus vor und vergleicht den Staat Israel mit den Nationalsozialisten, während sie gleichzeitig die Terrororganisationen der Hamas oder der Hisbollah verharmlosen.

Jüngst musste Israel wieder eine vom Iran abgefeuerte Rakete unschädlich machen. Israel ist von dem Mullah-Regime im Iran massiv in seiner Existenz bedroht. Da schämt man sich doch wirklich fremd, wenn die jetzige Vizepräsidentin des Bundestags und ehemalige Menschenrechtsbeauftragte, Claudia Roth, im Jahr 2013 den iranischen Botschafter Ali Reza Sheikh Attar, an dessen Hände Blut klebt, „freundschaftlich“ mit „High-Five“ begrüßt.

Welchen Wert hat Erinnerung?

Oder wenn der damalige IOC-Vizepräsident Thomas Bach und Ex-Turnweltmeister und CDU-Bundestagsmitglied Eberhard Gienger sich gegen eine Schweigeminute bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2012 in London aussprachen, weil sie einen arabischen Boykott befürchteten. Es sollte an den palästinensischen Terroranschlag 40 Jahre zuvor während der Olympischen Spiele in München erinnert werden, bei dem viele jüdische Sportler und ein Polizeibeamter ermordet wurden.

Was ist eigentlich eine Erinnerungskultur an die Vernichtung von sechs Millionen Juden wert, wenn sie sich nur auf Gedenkveranstaltungen in Bundes- und Landtagen, in Stelen-Feldern oder durch Stolpersteine artikuliert, aber nicht bereit ist, auch Nachteile für die Solidarität mit Juden und mit Israel in Kauf zu nehmen? Denn Solidarität mit den Juden muss sich essenziell auch in der Unterstützung des Staates Israel ausdrücken.

Er ist die staatliche Heimstatt der seit rund 2000 Jahren in die Welt zerstreuten Juden. Er ist als Staat gleichzeitig das Versprechen eines wehrhaften Judentums. Er ist die Hoffnung, dass zur Flucht gezwungene Juden eine Zuflucht haben. Deshalb hat Deutschland nicht nur die Aufgabe, sich im eigenen Lande gegen den Antisemitismus zu stellen. Es hat darüber hinaus aufgrund des Holocausts den Staat Israel gegen Angriffe zu unterstützen. Das muss ohne Frage mehr sein, als die von Bundeskanzlerin Merkel immer wieder bemühte Formel, dass der Holocaust zur deutschen Staatsräson gehört.

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2Txk9yb