Leserbrief

Leserbrief Zu "Chance auf gemeinsamen Unterricht" zum Thema Inklusion (FN, 4. Februar)

Erst schlüssige Konzepte entwickeln

In ihrem Leserbrief vom 4. Februar erklären Frau Denz und Frau Böhm ausführlich die Absicht der "UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung" und der daraus abgeleiteten Idee der Inklusion (gemeinsame Beschulung von behinderten und nichtbehinderten Kindern).

Sie haben, wie auch immer, den Eindruck erhalten, dass diese Forderungen im Rahmen des Schulbesuchs des CDU-Fraktionsvorsitzenden Peter Hauk an der Schule für Sprachbehinderte durch den Landrat und die Schulrätin Frau Lorenz in Frage gestellt worden seien.

Im Namen des Kollegiums der Schule für Sprachbehinderte möchte ich klarstellen, dass es in diesen Gesprächen in keinster Weise um die grundsätzliche Anerkennung dieser Forderungen ging. Vielmehr wurde im Austausch mit uns Sonderpädagogen über die Umsetzung der UN-Konvention nachgedacht und dabei auf einige eklatante Mängel in der bisher angestrebten Praxis hingewiesen.

Zunächst einmal ist es sehr erstrebenswert, dass auch in den Regelschulen zunehmend individualisiert unterrichtet werden soll. Dazu müssten aber alle Lehrer auch schon in der Ausbildung auf ihre veränderten Aufgaben vorbereitet werden, was bisher nicht der Fall ist. Würde eine gelegentliche Beratung durch uns Sonderpädagogen ausreichen, um das notwendige Fachwissen zu vermitteln, stellt sich die Frage, warum wir dafür fünf Jahre studieren mussten.

Um bedarfsgerecht und passgenau jedes Kind in seinen Stärken und Schwächen fördern zu können, bedarf es viel Zeit und Zuwendung. Diese kann nur in deutlich kleineren Klassen erübrigt werden, bzw. mit einem sehr viel größeren Lehreraufgebot. So lange Voraussetzungen wie diese für eine Inklusion nicht geschaffen sind, so lange wird Inklusion auch nicht gelingen.

Diese Voraussetzungen zu schaffen ist aber Ländersache und kann nicht von einem Landkreis bewältigt werden, weder organisatorisch noch finanziell. Und auf Landesebene bleiben dazu bisher noch viele Fragen offen, zum Beispiel die Finanzierung.

Sicherlich gibt es im bisherigen Sonderschulsystem viele Nachteile, die Frau Denz und Frau Böhm aufgezählt haben. Die Vorteile haben sie leider dabei vergessen zu erwähnen.

So kann ein Rauskommen aus dem Regelschulsystem für Kinder auch eine große Entlastung darstellen. Ihre individuellen Schwierigkeiten werden erkannt und akzeptiert, sie sind nicht alleine mit ihrer Behinderung, sie erhalten ständig die Unterstützung und Anerkennung, die sie benötigen. Dass eine Rückschulung an die Regelschulen funktionieren kann, beweist die Schule für Sprachbehinderte dabei tagtäglich, ist sie doch Teil unseres Schulkonzepts und von einer hohen Erfolgsquote geprägt.

Wir halten es für ungut, dass bei so vielen offenen Fragen und offensichtlichen Mängeln bei der Umsetzung der Inklusion modellhaft und "innovativ" an Kindern mit einer Behinderung ausprobiert wird, was zu welchem Preis geht. Gesteht man den Sonderschulen dann auch noch ihre Vorteile zu, können wir dem Landrat nur recht geben, dass diese Umsetzung der UN-Konvention ein Rückschritt wäre.

Wir sollten erst schlüssige Konzepte entwickeln, bevor wir sie an den Kindern erproben. Und nur dann kann Inklusion gelingen und zu einem echten Fortschritt werden. Die Kinder und auch der Grundgedanke der UN hätten es verdient.