Leserbrief

Leserbrief: Zur Ulrichskapelle in Standorf (FN 6. März)

Es ist ein einziges Katz- und Maus-Spiel

Ich habe mir wieder verwundert die Augen gerieben, als ich die Artikel in den FN vom Freitag zur Esoterik in Creglingen/Standorf las, auch über die Aussagen des Sprechers der Landeskirche, Christian Tsalos. Zwar ist die mich betreffende Bemerkung von Gerhard Stammler von mir nicht autorisiert, aber die Richtung stimmt allemal: Ich bin in 20 Jahren als Journalist bei Recherchen noch nie so behindert und belogen worden wie in dem Fall Ulrichskapelle.

Die Liste der Beispiele ist lang: Prälat Wille predigte im Juli 2007 in der Ulrichskapelle sinngemäß, man müsse mit den Kräften in der Ulrichskapelle umgehen lernen, Hauptsache, Gott stehe an erster Stelle. Und was das rechtsdrehende Heilwasser angehe, nun ja, es gebe schließlich viele Heilquellen. Dazu habe ich Herrn Wille eine Reihe Fragen gestellt. Nachdem ein kurzes Telefonat, wo er mich kaum zu Wort kommen ließ, unergiebig war, sandte ich ihm schriftliche Fragen: Gibt es also seiner Meinung nach "Energien" in der Kapelle? Ist seine Predigt so zu verstehen, dass Erdweissagen und Ley-Linien einen Platz in der Kirche haben? Wie will er bei einem esoterischen Wünschelrutengänger und kosmischen Energiesucher prüfen, ob das seinen Glauben an Gott relativiert? Und da es viele Heilquellen gäbe - hat er also nichts dagegen, wenn Esoteriker wegen "rechtdrehendem" Wasser nach Creglingen kommen?

Wille hat meine schriftlichen Fragen nicht beantwortet, und das habe ich in meinen Artikeln im Rheinischen Merkur, Stuttgarter Nachrichten oder Mannheimer Morgen auch so geschrieben. Auf der peinlichen Pressekonferenz im Januar 2008, auf der Wille und die anderen Verantwortlichen die Esoterik-Vorgänge vor der versammelten Landespresse abstritten (aber vier Monate später müssen sie Kurt Wagner wegen der Esoterik-Seminare in der Kapelle die Schlüssel abnehmen) behauptete der Regionalbischof Wille, er habe mehrere ausführliche Gespräche mit Händeler geführt und E-Mails mit ihm ausgetauscht, so dass er gar nicht verstehen könne, dass dieser schreibe, er hätte seine Fragen nicht beantwortet - eine Lüge. Ich schrieb Landesbischof July den Sachverhalt, er solle sich davon überzeugen und sich den angeblichen E-Mail-Verkehr von Wille vorlegen lassen. Der Bischof antwortete nicht, und auf telefonische Nachfrage sagte mir sein Referent, July habe meinen Brief zur Kenntnis genommen, werde sich aber nicht einmischen.

Anderes Beispiel: Nach der mit dem Verlag vereinbarten und dann abgesagten Pressekonferenz zu Michaels Raisch Buch fragte ich nach der Verantwortung dafür. Der Weltanschauungsbeauftragte sagte mir, dies sei eine Entscheidung der Kirchenleitung und damit letztlich auch des Bischofs gewesen, auf Betreiben von Prälat Wille. Tsalos sagte mir, das habe er so mit Wille besprochen, und in der Lokalzeitung ist dann zu lesen, das habe Wille zusammen mit Pfarrer, Dekan und Bürgermeister vor Ort eben so beschlossen (als wenn diese über die Landeskirche zu bestimmen hätten)...

Wieder stellte ich sowohl an Tsalos als auch an Wille eine Reihe von Fragen: Schließlich war es gerade die Absicht der Kirchenleitung gewesen, der zum Transport von Weltanschauung erfundenen Geschichten von Wagner, Messerschmidt und anderen Esoterik-Sympatisanten die tatsächliche Geschichte und Zusammenhänge entgegenzuhalten - die Kirchenleitung als Gremium hatte über Herrn Hemminger ja Herrn Michael Raisch darum gebeten, seine Erkenntnisse in einem Buch zusammenzufassen. Sowohl die Inhalte als auch die Aussage von Raischs Buch war allen längst bekannt, spätestens seit der Veröffentlichung seines Aufsatzes. Nun stellte Wille angeblich überrascht fest, dass in dem Buch Kritik an Kurt Wagner geäußert werde. Welche neue Information ist also aufgetaucht, die eine Absage der Buchvorstellung für ihn rechtfertigt? Gibt es in dem Buch eine Stelle, die fachlich zu beanstanden wäre oder unsachlich geschrieben ist, die es rechtfertigt, dem Buch - und damit seinem Inhalt - die Rückendeckung zu entziehen?

Wie es ausging, kann jeder erraten, der die Situation begriffen hat: Pressesprecher Tsalos, der zuvor die Entscheidung zur Absage der Pressekonferenz mit getroffen haben will, erklärte sich bei den wesentlichen Fragen für nicht zuständig und verwies mich auf Prälat Wille, während von Wille diesmal zumindest eine Antwort kam: Ich solle mich an den Pressesprecher Tsalos wenden. Es ist ein einziges Katz- und Mausspiel.

Im Moment warte ich die weitere Entwicklung ab, aber man sollte Wille und Tsalos in der Zwischenzeit mal erklären, dass die Kirche als öffentlich-rechtliche Institution, die Kirchensteuer einzieht, gesetzlich zur Auskunft verpflichtet ist.

Wer anfängt, Fragen zu stellen und sich nicht abfertigen lässt, wird ja erleben, auf welchen Widerstand er stößt.