Leserbrief

Fantasielose Strategen in Supermärkten

Zum Thema Einkaufen

Vielleicht kennen Sie die Frage an der Supermarktkasse: „Sammeln Sie Treuepunkte?“ Da bin ich immer versucht zu antworten: „Nein danke, ich bin nur meiner Frau treu“. Das sage ich fortan kaum noch, weil ich mir manches Mal Blicke der Kassiererin einhandle, die ich in meinem Weltbild nicht einordnen kann. Und meiner Frau bin ich diesen Spruch nach mehr als 30 Jahren Ehe ohnehin nicht schuldig, sagt mir ihr Blick.

In meiner Jugend, in den 1960er Jahren, gab es noch die Rabattheftchen, in denen Kunden mit Begeisterung Marken eingeklebt hatten, um danach mit drei Prozent Skonto belohnt zu werden. Kundenbindung anno dazumal. Was hat sich in mehr als vier Jahrzehnten – aus meiner Sicht – geändert? Viel! Natürlich! Nur die Fantasielosigkeit der Strategen in den Kreativabteilungen der Supermarktunternehmen stagniert, ja erstarrt in sich. Obwohl um das „Goldene Kalb“ Gewinnmaximierung getanzt wird, findet ein mörderischer Verteilungskampf statt. Payback und so weiter seien hier außen vor, weil das ein Thema für sich ist.

Gefühlter Störfaktor

Worauf will ich hinaus? Nicht erst seit ich im Ruhestand bin, fällt mir auf, dass ich mich mit meiner Frau beim Einkaufen in zunehmendem Maße als Störfaktor fühle. Hallo – Ihr Damen und Herren in den Planungsabteilungen. Ihre Kundenbindungswertmarkenprogramme für Bratpfannen und Weingläser und so weiter laufen voll an die Wand. Das müsste Euch doch auch so langsam klar geworden sein. Alldieweil ich in Euren Regalgassen ständig Slalom laufen muss, zwischen Warenrollies, und ihren Frauen AldiPenny und Herren NormaLidl, die ich bei der Arbeit behindere, wenn sie Waren in die Regale einräumen müssen. Wir fühlen uns zunehmend als Störfaktoren in Euren Märkten.

In manchen Regalgassen kommt man gar nicht mehr durch, weil Eure Mitarbeiter beim Einräumen zugange sind und die Einkaufswagen mittlerweile so überdimensioniert sind – wohl um zu mehr Konsum anzuregen. „Dann geh’ doch zu Netto“, schallt’s aus der Werbung. Ob bei Rewe, Edeka oder Billigheimer und so weiter, wir wünschten uns, dass möglichst viele Kunden stärker darauf reagieren würden. Veränderungen können nur wir als Kunden dadurch erwirken, dass wir es uns nicht gefallen lassen, diese Verhältnisse zu akzeptieren.

Kritik an die Marktleiter

Wir für uns beschweren uns regelmäßig, in vollem Bewusstsein, dass auch und im Besonderen die Beschäftigten die Leidtragenden dieser Verhältnisse sind. Mit der Empfehlung, unsere Kritik an die Vorgesetzten weiterzuleiten, wenden wir uns natürlich besonders an die Marktleiter und verstehen das ganz besonders als Unterstützung an die Menschen im Lohnbilligbereich, die uns günstige Einkäufe ermöglichen, aber auch den Unternehmern Profite auf Kosten ihrer Leute. Kundenbindung funktioniert durch zufriedene Kunden. Kapiert das endlich in den Chefetagen.