Leserbrief

Finjas Dschungelabenteuer

Von Franka und Greta Hohenstein (11 und 8 Jahre)

Ich weiche automatisch ein Stück zur Seite. Mama und Papa tragen einen großen Karton in mein Zimmer und stellen ihn auf dem Teppich ab. „Das ist dein verspätetes Geburtstagsgeschenk von Tante Marie“, sagt Mama während sie sich erschöpft auf meinem roten Schreibtischstuhl setzt. Papa macht sich eifrig daran den Karton zu öffnen. Ich stehe nur stumm daneben. Ich bin nicht wirklich scharf auf die Geschenke von Tante Marie.

An meinem letzten Geburtstag hat sie mir zum Beispiel einen selbst gestrickten Topflappen geschenkt. Mama fand ihn allerdings super, so dass ich ihn ihr geschenkt habe. Papa hat derweil mein Geschenk ausgepackt und hält nun einen großen Spiegel in den Händen. Wie es aussieht, sind meine Eltern sehr begeistert von meinem Spiegel. Mama sammelt den Müll ein, dann verlassen beide den Raum.

Ich sehe mich in meinem Zimmer um, nicke und schiebe den Spiegel an die kahle Stelle neben meiner Musikecke. Vorsichtig steige ich über mein kastanienbraunes Cello. Ein Haufen Noten liegen auf meinem schwarzen Notenständer. Ich will auf die glatte Oberfläche fassen, doch da merke ich, dass ich einfach durch den Spiegel hindurch fassen kann. Schnell ziehe ich meine Hand wieder heraus. Neugierig stecke ich aber auch mein rechtes Bein auf die andere Seite, dann den Arm und schließlich auch den Kopf.

Heißes Tropenwetter umgibt mich. Ich sehe an mir herunter. Ich bin noch da. Erleichtert atme ich auf und beobachte eine kleine Ameise, die vor mir über den sandigen Boden krabbelt. „Ich würde mal sagen, du bist erfolgreich im Dschungel angekommen“, ertönte plötzlich eine krächzende Stimme aus dem Nichts. Ich drehe mich um und erblicke einen bunten Papageien. „Du kommst genau richtig“, krächzt er und flattert ein Stück auf mich zu. Ich runzle die Stirn. „Ich bin Maxi.“ „Ja, also…“, beginne ich meinen Satz. „Und wer bist du?“, unterbricht mich Maxi. „Finja“, antworte ich etwas wortkarg. „Wir brauchen deine Hilfe, Finja“, erzählte er.

Ich schlucke. „Wir?“, frage ich dann. Da kriecht ein kleines Leopardenbaby aus dem Gebüsch und zieht an meinen Schnürsenkeln. „Und das ist Romy. Erzähl du unserer Finja, was sie zu tun hat“, wendet sich Maxi an Romy. Jetzt springt Romy auf einen Ast: „Die Dschungeleinwohner haben den Schatz der Tiere gestohlen. Wir müssen ihn zurückbekommen und brauchen dabei deine Hilfe!“ Ich nicke entschlossen. Gemeinsam machen Maxi, Romy und ich uns auf den Weg zu den Zelten der Dschungeleinwohner.

Hier herrscht buntes Treiben. Viele Kinder rennen um die Feuerstelle herum und tanzen fröhlich zu Musik. Jetzt versammeln sich alle im Speisezelt. Das Hauptzelt, in dem der Schatz steht, ist verlassen. Vorsichtig kriechen wir aus unserem Versteck und schlüpfen unter der Zeltplane durch. „Puh, wo nach riecht es den hier?“, ich rümpfe die Nase. Auch Maxi und Romy verziehen das Gesicht. In der Mitte des Zeltes steht ein Gefäß, in dem sich eine matschige Pampe befindet. Ich beschließe mich von ihr fernzuhalten.

„Da, der Schatz!“ Romy läuft auf eine braune Holzkiste zu. Maxi öffnet sie mit seinem Schnabel. Funkelnde Perlen und Ketten leuchten in den herrlichsten Farben. „Hey, Diebe!“, eine Frau mit langen wirren Haaren entdeckt uns und klopft mit ein paar Löffeln auf einen großen Topf. Die anderen kommen aus dem Speisezelt gerannt. Maxi, Romy und ich sehen uns erschrocken an. „Schnell. Nimm die Truhe mit, Finja! Und jetzt nichts wie weg“, warnt Romy und wir schlüpfen wieder aus dem Zelt.

„Los, rennt“, ruft Maxi, der ein paar Meter über uns fliegt. Ich renne und renne und habe das Gefühl, dass die Schatztruhe immer schwerer wird. Romy rennt neben mir her. Die Dschungeleinwohner kommen schnell immer näher. Sie holen auf. In den Händen halten sie Kochlöffel und Lassos. Mitten auf dem Weg ist eine Pfütze. Ich kneife die Augen zusammen und springe drüber. Als ich die Augen öffne, sehe ich nur mein Kinderzimmer.

„Der Sprung war aber filmreif“, stöhnt Maxi. Ich nicke und reibe mir den Po. Der Spiegel hängt an der Wand. Wie vorher! „Wir haben sie abgehängt. Einfach durch den Spiegel springen und verschwinden. Cool“, rief Romy. Ich lächle. Ich laufe zum Schrank und hole eine Tafel Schokolade heraus. „Jetzt wird gefeiert“, sage ich und drehe die Musik auf. Fröhlich betrachten wir die Schmuckstücke in der Truhe und essen Schokolade, bis Maxi und Romy mein Zimmer leider verlassen müssen.

Sie verschwinden, wie ich gekommen bin – durch den Spiegel. Mit dem Schatz. Ich bin Stolz auf uns.