Leserbrief

Leserbrief: Zu den Berichten über den Amoklauf in Winnenden

"Fluchtweg Gott" fehlt vielen

Auffällig sind die Parallelen der beiden Amokläufe von Robert Steinhäuser am 26. April 2002 im Gutenberg-Gymnasium in Erfurt und dem von Tim. K. am 11. März in der Albertville-Realschule in Winnenden und Wendlingen. Noch sehe ich das Blumenmeer vor mir, das den Eingang des Gutenberg-Gymnasiums bedeckt hat und die unübersehbare Menschenmenge auf dem Domplatz in Erfurt, anlässlich der Trauerfeier für die 17 Opfer. Die Menschen fragten sich: Wo ist nun Gott? Da war kein Gott, da war nur Fassungslosigkeit und tiefe Trauer.

Nun ist es wieder geschehen. Dieses Mal sind 15 Menschen gestorben, und wieder fragen wir: wie konnte das geschehen? Unsere Gedanken sind bei den Toten, bei den Verletzten und bei den Hinterbliebenen. Wird es die letzte Schülerbluttat sein? Warum werden Schulen als Tatort ausgesucht? Warum schießen die Täter auf den Kopf und nicht aufs Herz? Hat das etwas zu bedeuten?

Zwei Faktoren mögen bei jungen Männern hinter solchen schrecklichen Kurzschlusshandlungen stehen. Einmal ist es die noch nicht gefestigte Persönlichkeit, die damit noch nicht gelernt hat mit Belastungen des Lebens fertig zu werden, und zum andern fehlt ihnen das seelische Gegengewicht, um den, als Erniedrigung empfundenen Druck von außen, aufzufangen. Junge Menschen sind wie ein rohes Ei.

Die Kultur früherer Zeiten hat der seelischen Verletzlichkeit junger Menschen Rechnung getragen, in dem ihnen ein seelischer Fluchtweg aufgezeigt wurde. Zu meiner Schulzeit hat der Lehrer vor Unterrichtsbeginn die Geige herausgeholt und mit den Schülern das Lied gesungen: "Das walte Gott der helfen . . "

Dieser "seelische Fluchtweg Gott" ist der modernen Gesellschaft weithin verloren gegangen und damit die Erfahrung, dass er zu einem steht, auch wenn man versagt hat. Vielleicht muss man sich dann nicht an Unschuldigen rächen.