Leserbrief

Früher waren Probleme existenziell

Zum Thema Gesellschaft

Der offizielle Antrag in der Hauptversammlung eines Berufsverbands, sinngemäß Formulierungen der Tatsache anzupassen, dass mehr als die Hälfte der den Beruf Ausübenden weiblich seien, rief bei mir nachfolgende Assoziationen hervor: Zugegeben, ich stamme noch aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, manche sagen auch schon aus historischer Zeit. In dieser Zeit waren die Probleme noch existenziell. Damals besang man das Studentenleben als das schönste. Heute sind die Probleme subtil, und man sieht in gewachsenen sprachlichen Formulierungen eine Gefahr für die Gesellschaft.

Der Begriff „Studenten“ diskriminiert inzwischen so manche Studentin – der je nach Studienfach bis über 50 Prozent ausmachenden Lernenden. Vielfach liest man heute nur noch von Studierenden. Nun sind Studenten an einer Hochschule immatrikuliert, um eine fachliche Ausbildung mit einem beruflichen Abschluss zu absolvieren. Studieren dagegen kann man beim morgendlichen Kaffee die Tageszeitung, mittags die Speisekarte, nachmittags den Fahrplan, zwischendurch noch ein Schnittmuster und abends Gesichter.

Das Mensch diskriminierend

Bei dem Gedanken an ein Studierendenleben entsteht vor meinem geistigen Auge kein Bild. Und da ist ja noch das Grundgesetz, das feststellt, dass alle Menschen gleich sind. Aber heißt es nicht „der“ Mensch? Was nun? Eine Menschin kreieren? Nee! Und das Mensch ist ja wieder diskriminierend.

Der Homo sapiens, der uns ja alle in geschlechtlicher Fortpflanzung hinterlassen hat, schaut dem Geschehen interessiert zu und ist gespannt. Ich bin es auch, wohlwissend, dass ich nicht mehr die Zeit habe, das Ergebnis zu erfahren. (Claus Einberger, Mannheim)

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